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Die Stadt an der Grenze

Jeder kennt sie: die Geschichte, wie Elisabeth von Österreich, die beliebte Kaiserin Sissi, sich 1870 spontan für einen Kuraufenthalt in Meran entscheidet und damit den Wandel zur Kurstadt von Welt einläutet. Die ländliche Provinzstadt florierte aber bereits lange zuvor – als Hauptstadt der Grafschaft Tirol im Mittelalter. Bis heute prägen diese beiden Höhepunkte das Bild der Stadt. Gebäude, Schlösser, Straßen entführen uns in diese längst vergangenen Tage.

Aufstieg zur Hauptstadt

Der Aufstieg Merans kam schnell. Die Grafen von Tirol verlegten Mitte des 13. Jahrhunderts ihren Sitz nach Schloss Tirol. Damals ist Meran noch eine unbedeutende Ortschaft – es gibt kaum Zeugnisse der Siedlung, die ursprünglich als „Mairania“ erwähnt ist. Als nun aber die Grafen von Tirol ganz in der Nähe residieren, ist der Aufschwung nicht aufzuhalten: Mit dem Marktrecht und der Münzprägestätte erhält Meran eine Vormachtstellung im Handel, gleichzeitig gewinnt das Handwerk an Bedeutung. Als die Stadt an der Passer 1317, vor genau 700 Jahren, das Stadtrecht verliehen bekommt, ist sie bereits ein Handelszentrum, in dem jährlich an Pfingsten und am Martinstag zwei der wichtigsten Märkte der Region stattfinden. Stoffe, Öl und Wein werden zum Verkauf geboten, aber auch Tiere, Felle und zahlreiche andere Güter.

Architektonische Spuren einer Blütezeit

In diese Zeit fallen große städtebauliche Veränderungen: Die schmalen Häuser der Laubengasse werden errichtet. Sie gehören den Kaufleuten, die die oberen Stockwerke bewohnen und im Erdgeschoss ihre Läden betreiben. Die Verkaufstresen stehen draußen, unter den überwölbten Durchgängen. Die Lauben münden in den Rennweg, auf dem Rennen und Turniere abgehalten werden, und den Kornplatz, einem überaus wichtigen Punkt der neuen Marktstadt, denn hier wird öffentlich das Korn gewogen. Die Gebäude westlich des Rennwegs sind die mittelalterliche Neustadt von Meran. Bis heute sind die Lauben die Einkaufsstraße geblieben, wenn auch in veränderter Form mit kleinen Boutiquen, Juwelieren, Buchläden und anderem.
Unter Meinhard II. entsteht auch eine Stadtmauer mit vier Stadttoren. Das Vinschgauer, das Bozner und das Passeirer Tor, benannt nach den Richtungen, in die sie führen, gibt es noch heute. Das Ultner Tor am heutigen Theaterplatz existiert nicht mehr, es wurde im 19. Jahrhundert abgerissen, als die Straße verbreitert wurde. Vom Pulverturm, der am Tappeinerweg über Meran wacht, bis zum Passeirer Tor erstreckt sich der letzte erhaltene Rest der ehemaligen Stadtmauer. Zwischen Passeirer Tor und Pfarrplatz erstreckt sich das älsteste Stadtviertel Merans: das Steinachviertel mit seinen leicht ansteigenden, engen Gassen.
Neben Schloss Tirol gibt es in Meran und Umgebung eine Vielzahl weiterer Schlösser und Burgen, deren Grundsteinlegungen in die Blütezeit der Stadt Meran fallen. Schloss Lebenberg bei Tscherms, Schloss Schenna oder die Brunnenburg sind nur einige davon.
Die rege Bautätigkeit, die als Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs gesehen werden kann, hinterlässt also bis heute markante Spuren in der Stadtgestalt.

Rückkehr in die Bedeutungslosigkeit

Die Blüte Merans währt nicht lange: Nach dem Tod des Sohnes von Meinhard II. geraten die Grafen von Tirol in eine folgenschwere Krise. Letztlich ernennt die unglücklich herrschende und erblose Margarete Maultasch den Habsburger Rudolf IV. zu ihrem Erben. Damit geht die Grafschaft an die Habsburger und verliert ihre ursprüngliche Unabhängigkeit. Der Untergang ihrer Hauptstadt ist besiegelt: Die Residenz der Grafen von Tirol wird nach Innsbruck verlegt, die Münzstätte nach Hall. Meran verliert rasch an Bedeutung, und auch als Handelsstadt läuft Bozen ihr den Rang ab.
In der Zeit des politischen Untergangs scheint die Apokalypse nicht mehr weit, denn zahlreiche Naturkatastrophen suchen Meran heim: Innerhalb von zehn Jahren bringt eine Heuschreckenplage die Bauern um ihre Ernte, ein Feuer legt Teile Merans in Schutt und Asche, ein schweres Erdbeben erschüttert die Stadt, eine Überschwemmung verwandelt das gesamte Etschtal von Meran bis Trient in eine einzige Sumpflandschaft. Insgesamt währt die Pechsträhne ganze 80 Jahre lang. Erst Jahrhunderte später wird sich die Stadt erholen und zu neuem Glanz kommen. Die lähmende Entwicklung Merans hat aber aus heutiger Sicht ihr Gutes: Die Gestalt der Altstadt bleibt, vor allem aus städtebaulicher Sicht, vom Ende des Mittelalters bis zum 19. Jahrhundert und teilweise bis heute erhalten.

Die multikulturelle Stadt

Im Mittelalter, aber auch schon zuvor, als noch Räter und Römer den Alpenraum besiedelten, bewohnten Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache Meran und seine Umgebung, die von jeher ein Grenzgebiet waren. Seine Lage und der rege Handel verschaffen ihm regen Durchzug – ob aus dem Süden oder aus dem Norden – und damit einhergehend Mehrsprachigkeit und Multikulturalität. Hauptsächlich ist zwar die deutsche Sprache verbreitet, aber in der Grafschaft Vinschgau, deren Hauptstadt Meran ist, wird Ladinisch gesprochen, und in der Stadt selbst gibt es eine Florentiner und eine Veroneser Kolonie. Das Kassenbuch eines italienischsprachigen Eisenwarenhändlers von etwa 1670 beweist die fortwährende Zweisprachigkeit: Er führt in seinem Kassenbuch einige Begriffe sowohl auf Deutsch als auch auf Italienisch an, etwa „brochoni o bergnegel“, womit er wohl grobe Nägel meint, oder „berch negel picoli“, die kleinere Form der „Bergnägel“. Heute teilt sich Merans Bevölkerung in etwa genauso viele italienisch- wie deutschsprachige Bürger und die jeweils andere Sprache ist im Alltag so wichtig, dass sie jeder beherrscht. Daraus ergibt sich immer öfter auch eine Vermischung der beiden Sprachen im Gesprochenen, aus dem Mund der Südtiroler hört man etwa „magari“ genauso oft wie „vielleicht“ und Italienisch- wie Deutschsprachige nennen die traditionelle Schulabschlussfeier „Maturaball“.
Ganz eindeutig zum kulturellen Schmelztiegel wird Meran, als Ende des 19. Jahrhunderts der Fremdenverkehr Fuß zu fassen beginnt und die Stadt an der Passer ihre zweite Blüte erlebt.

Die ersten Gäste kommen

Der Auftakt zur Entwicklung der Kurstadt liegt um das Jahr 1836, als Mathilde Schwarzenberg mit ihrem Leibarzt Johann Nepomuk Huber in der Stadt weilt. Bald darauf veröffentlicht Huber eine Schrift, in der er auf das heilvolle, milde Klima der Stadt eingeht. Der Bürgermeister Joseph Valentin Haller erkennt das Potenzial und fördert die touristische Entwicklung.
Bald erhält Meran ganz offiziell das Prädikat „Klimatischer Kurort“. Wegen der milden Temperaturen wird es vor allem als Winterkurort bekannt, die Monate von Herbst bis Frühling sind bei den Gästen beliebter als der heiße Sommer. Zunächst ist das bäuerliche Meran aber noch mehr Kuhstadt als Kurstadt, in der Altstadt stehen Viehtränken, die Promenade ist ein erdiger Weg, eine hölzerne Wandelbahn an der Passer ist das Höchste der Gefühle – und selbst diese grenzt an einen Hühnerhof, der mit seinem Duft nicht gerade betört. Doch als Kaiserin Sissi 1870 zum ersten Mal in die Stadt kommt, beginnt sich das zu wandeln. Meran erhebt sich wie der Phönix aus der Asche, prächtiger als je zuvor.

Pulsierende Kurstadt der Belle Époque

Nach den Aufenthalten der beliebten österreichisch-ungarischen Kaiserin wollen alle nach Meran. Adelige, Schriftsteller, Musiker – Prominenz von Weltrang entdeckt die Passerstadt. Die muss aber erst einmal aufrüsten. Um die hochkarätigen Gäste standesgemäß unterbringen zu können, werden Villen und Grandhotels hochgezogen, ganze Stadtviertel neu geplant. Das Kurhaus und das Stadttheater sind die auffälligsten Beispiele für die Architektur der Belle Époque. Sie fügen sich heute in der Innenstadt in ein Stadtbild mit modernen Bauten ein, von denen sicherlich der Glaskubus der Therme Meran der Wichtigste ist. Seine Architektur besticht durch klare Linien und eine hochwertige Innenausstattung des Südtiroler Star-Designers Matteo Thun. Dass Alt und Neu auch in einem einzigen Gebäude koexistieren können, zeigt das Palais Mamming, in dem die Sammlungen des Stadtmuseums einen Überblick über die Geschichte Merans bieten, eindrucksvoll. Bei seiner Renovierung wurde es um einen modernen Zubau erweitert, der die Ausstellungsfläche zum Küchelberg hin erweitert.
Neben neuen Unterkünften werden im Meran der Jahrhundertwende Spazierwege und Parks angelegt, in denen die Gäste ihre Freizeit verbringen können, Theaterstücke, Volksschauspiele, Opernaufführungen, Konzerte des Kurorchesters bieten Abwechslung.
Meran boomt und ist internationaler denn je: In der Alpenstadt stehen koschere Restaurants und Hotels, eine Synagoge, eine russisch-orthodoxe und eine evangelische Kirche auf engem Raum beieinander. Der evangelische Friedhof von Meran legt Zeugnis dieser Multinationalität ab: Iren, Amerikaner, Niederländer, Russen, Ungarn und viele mehr sind dort begraben. Sowohl die evangelische als auch die jüdische Gemeinde und das russische Zentrum Borodine gibt es heute noch.
Aber nicht nur in touristischer Hinsicht entwickelt sich die Stadt rasant: Von 1811 bis 1910 steigt die Stadtbevölkerung von etwa 4.600 auf über 23.500 an, sie verfünffacht sich also in hundert Jahren.

Glück im Unglück

Die Entwicklung zur beliebten Kurstadt wird durch den Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen. Nach Ende des Krieges ist alles anders: Südtirol ist jetzt Teil Italiens. Bald kommen die Faschisten an die Macht und die deutschsprachige Bevölkerung soll systematisch italianisiert werden. Fast zwangsläufig öffnet sich Meran vermehrt Richtung Süden. Unter der faschistischen Regierung werden die unabhängigen Dörfer Ober- und Untermais sowie Gratsch mit Meran zu einer Gemeinde zusammengeschlossen. Es ist eine Zeit, in der sich die Passerstadt nur langsam von den Folgen des Krieges erholt, dennoch entsteht ein bis heute prägender Bau: der Pferderennplatz in Untermais. Im Zweiten Weltkrieg verliert die Stadt etwa 10.000 Einwohner durch Flucht und Deportation sowie vor allem durch die sogenannte Option, die die Südtiroler Bevölkerung vor die Wahl stellt, in Italien zu verbleiben oder ins Deutsche Reich auszuwandern. Letztlich hat Meran aber mehr Glück als viele andere Städte. Als Lazarettstadt bleibt sie vor größeren Kriegsschäden verschont. So ist der historische Kern bis heute erhalten – Gotik, Barock, Jugendstil, Historismus prägen das Bild. Das ist es, was Meran neben seinen milden Temperaturen zu einer Perle in den Alpen macht: ein historischer Bestand, der 700 Jahre widerzuspiegeln vermag. Verschiedene Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017 lassen die wechselvolle Geschichte der Stadt aufleben und laden Südtiroler und Gäste zum gemeinsamen Feiern ein.

Text: Magdalena Grüner

Fotos: Alex Filz