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Dem Himmel ein Stück näher

Der Deutschnonsberg war lange eine strukturschwache Region. Seit einigen Jahren hat sie sich aber zum Geheimtipp für Feinschmecker und Naturliebhaber gemausert. Innovative Projekte beleben die Dörfer in der Grenzregion zum Trentino und machen sie für Einheimische und Gäste attraktiv.

„Von hier weg gehen? Nie im Leben!“ Markus Kofler steht auf seinem Hof in St. Felix, blinzelt in die Sonne, stemmt die Hände in die Hüften und lässt den Blick über steile Wiesen und dunkel bewaldete Berghänge schweifen. „Dazu ist es hier viel zu schön“, fügt er hinzu, mit einer Mischung aus Stolz und Unverständnis über die allzu abwegige Frage. Das Gesicht ist sonnengegerbt, der Dialekt klingt kehlig und rau. Markus Kofler ist einer von vier Radicchiobauern am Deutschnonsberg. Das edle Gemüse mit der charakteristischen violett-weißen Färbung findet hier ein ideales Klima: warme, sonnige Tage und kühle Nächte. Dazu ein Boden, der so gut ist, dass das Gemüse nicht mit Spritzmitteln behandelt werden muss, wie Kofler versichert. Dabei ist der Radicchio für ihn eigentlich nur ein Nebenerwerb. Hauptsächlich ist Kofler Milchbauer, er hat 35 Milchkühe und 20 Jungtiere im Stall. Aber „mit der Milch allein geht’s heute nicht mehr“, sagt er. Den Hof führt er gemeinsam mit seinem Sohn Stefan, aber auch seine anderen drei Kinder, allesamt schon erwachsen oder kurz davor, helfen mit, ebenso die Schwester und der Schwager. „Die Felixer Bergwiesen sind steil“, erklärt Kofler, „da ist viel von Hand zu machen.“ In Handarbeit setzt und erntet die Familie jedes Jahr zwischen 30.000 und 50.000 Radicchioköpfe, die über die Genossenschaft Deutschnonsberg verkauft werden. In den ersten Herbstwochen, wenn der Winterradicchio geerntet wird, wird das zartbittere Gemüse besonders gewürdigt: Dann finden die Radicchiotage statt. In den Gastbetrieben am Deutschnonsberg kann er dann verkostet werden – gemeinsam mit anderen lokalen Spezialitäten, dazu gibt es Showcooking und Infoveranstaltungen und das Radicchiofest.


Seine Milch liefert Kofler wie alle Bauern des Deutschnonsberges an die Sennerei in Fondo unten im Trentiner Nonstal. Dort entsteht daraus „Trentingrana“, ein Hartkäse mit geschützter Herkunftsbezeichnung, der sich aufmacht, dem berühmten Parmiggiano Reggiano Stirn zu bieten. Traditionell ist hier oben die Verbindung ins italienischsprachige Nonstal enger als ins deutschsprachige Südtirol. Man kauft in Fondo ein, viele Bauern am Berg haben Wiesen von Nonstaler Bauern gepachtet, immer mehr Nonstaler Kinder gehen auf dem Deutschnonsberg in die Schule. Ein Zusammenleben, das seit Jahrhunderten selbstverständlich ist und sich gegenseitig befruchtet.

Moderne Holzhäuser und Laugenrind

Wenn der Deutschnonsberg aus Südtiroler Sicht also abgelegen ist, dann ist es der Hof von Georg Weiss erst recht – er liegt sozusagen „hinten enten unten“, um es im Dialekt zu sagen. Weiss ist einer von zwei Biobauern am Berg und er bewirtschaftet den Roatnockhof in Unsere Liebe Frau im Walde in vierter Generation. Alles was am Hof produziert wird – vorwiegend Milch, Getreide und Eier – wird auch am Hof weiterverarbeitet und direkt vermarktet. Freitags wird im Holzofen wie anno dazumal Brot gebacken – rund 300 Paarln (meist vorbestellt und ruckzuck ausverkauft) nach überliefertem Rezept, in Handarbeit und natürlich mit eigenem Roggen, der in der hofeigenen Mühle gemahlen wird. Erst vor Kurzem wurde auf Initiative von Sohn Theodor auch eine Hofkäserei eingerichtet. Die Käserei war eine gewaltige Investition für den kleinen Hof, aber heutzutage müsse man als Bauer flexibel sein und Alternativen zum Überleben suchen. „Nicht jammern“, sagt Weiss, „sondern auch mal ein Risiko eingehen.“ Die Milch für den Käse liefern seine sechs Kühe, die ebenso wie die Schweine ganzjährig Auslauf haben. Auch Schafe, Hasen, Hühner, Enten, Gänse und Wachteln gibt es am Hof, der auch besichtigt werden kann. Weiss könnte durchaus mehr produzieren, Abnehmer gäbe es genug, „aber mehr trägt der Hof nicht, ohne seinen Charakter zu verlieren“. Georg Weiss will Bauer bleiben und nicht Großproduzent werden.

Bereits Ende des 12. Jahrhunderts wurde Unsere Liebe Frau im Walde urkundlich erwähnt, ab 1194 gab es ein Hospiz für Reisende, die den Gampenpass in Nord-Süd-Richtung überquerten. Später wurde es ein Wallfahrtsort und noch später, als die Reisewege nicht mehr oben über den Pass, sondern unten durchs Etschtal führten, waren es die Abgeschiedenheit und die notgedrungene ländliche Bescheidenheit, die den Deutschnonsberg zum Abwanderungsgebiet gemacht haben. Die Abwanderung scheint, auch durch verschiedene Programme der EU, vorerst gestoppt. Heute suchen stressgeplagte Städter hier oben Ruhe und finden sie unter anderem in den Chalets Felizitas. Sechs moderne Holzhäuser und eine mongolische Jurte hat die aus dem Pustertal, Gröden und Kenia stammende Familie Passler und Kinyanjui in den Wald oberhalb von St. Felix gestellt und sich damit einen Lebenstraum erfüllt. Heimische Hölzer und eine schlichte, aber hochwertige Einrichtung bieten Entspannung im Einklang mit der Natur. Ziele in der Umgebung gibt es dafür mehr als genug. So beispielsweise die 2.434 Meter hohe Laugenspitze mit perfekter 360-Grad-Sicht und den Felixer Weiher, der im Sommer zum kühlen Bad und dessen Umgebung im Winter zum Schneeschuhwandern und Rodeln einlädt. Aber auch Abseits davon lässt es sich auf abgeschiedenen Wegen schier endlos Wandern oder Mountainbiken und dabei auf gemütlichen Almen einkehren.

Nach dem alles überragenden Hausberg ist auch eine weitere lokale Spezialität benannt, das Laugenrind. Jungrinder und Kälber, vorwiegend der Tiroler Grauviehrasse, von kleinen Bergbauernhöfen aus dem Gebiet rings um den Laugen, liefern zertifiziertes Qualitätsfleisch in streng limitierter Menge für den lokalen Markt und die gehobene Gastronomie. Die Tiere verbringen den Sommer auf der Alm, wo vielstimmiges Glockengebimmel von ihrer Anwesenheit kündet. Das Projekt Laugenrind ist ebenso wie die Radicchiotage als EU-Leader-Programm entstanden. Es sind Initiativen, die den Bauern das Auskommen am Berg sichern und damit der Abwanderung entgegenwirken sollen.

Neue Ideen und frischer Wind

Eugen Kofler ist Rückkehrer. Er hatte den Deutschnonsberg als junger Mann verlassen, um unten im Tal gemeinsam mit seiner Frau ein Restaurant zu führen, richtig heimisch wurde er dort nicht. Als Kinder kamen, kehrte er der Stadt den Rücken und übernahm den elterlichen Hof. Hier oben hat er mehr Zeit für die Familie und kann sich, wie er sagt, „selbst verwirklichen“. Der Widumhof in Sichtweite der Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Unsere Liebe Frau im Walde ist einer der ältesten Höfe am Berg. Der Großvater von Eugen Kofler kaufte ihn im Jahr 1940 von den Benediktinern, die ihn über viele Generationen geführt hatten. Heute stehen an die 30 Kühe und ebenso viele Schweine im Stall – die Milch geht an die Genossenschaft im Nonstal, das Fleisch verarbeitet er in der hofeigenen Fleischerei zu Frischfleisch, Wurst und Bauernspeck. „Unser Speck wird von Hand gesalzen und gewürzt, darf dann zwei bis drei Wochen ruhen und wird anschließend sechs Wochen über Buche und Wachholder geräuchert“, erklärt Kofler. Danach dürfen die Hammen noch 6 bis 10 Monate im urigen Speckkeller in aller Ruhe abhängen. Der gelernte Koch lässt bei seinen Rezepten gerne Fantasie walten, experimentiert mit Bergkräutern, Löwenzahn, Bärlauch und Radicchio. Auch Kofler ist Direktvermarkter, verkauft im Hofladen und auf den Bauernmärkten in Kaltern und Schlanders. Seine Frau steuert Marmeladen, Säfte und Mohnkrapfen bei.

Zu den Projekten, die neue Ideen und frischen Wind auf den Berg bringen, gehören auch die Löwenzahnwochen, die von Mitte April bis Anfang Mai, wenn die Bergwiesen in frischem Grün und Sonnengelb leuchten, das vielseitige Wildgemüse in den Mittelpunkt stellen. Als typischer Frühlingsboote soll der Löwenzahn neue Lebensgeister wecken und verspricht gesunden Genuss in Brot- und Wurstrezepten, Brotaufstrichen, Knödeln, Salaten, Desserts und Tees. Den Auftakt der Löwenzahnwochen macht ein fünfgängiges Galadinner in der Gampengallery, einem mehrstöckigen Bunker auf dem Gampenpass – einer einzigartigen Location, die gleichzeitig Museum, Zeitzeuge und Veranstaltungsort ist. Im Zweiten Weltkrieg als Verteidigungsanlage erbaut und nie ganz fertiggestellt, wurden auf der Passhöhe unzählige Gänge auf vier Etagen in den Berg gegraben, einige davon kann man besichtigen – schmale Gänge und riesige Bergstollen, zum Teil im Rohzustand, vermitteln ein archaisches Bild. In der Gampengallery zeigt Bergsteigerlegende Reinhold Messner großformatige Bilder von Bergvölkern und auch die umfangreiche Mineraliensammlung von Toni Kiem ist dort untergebracht. Ein Tonnengewölbe aus Sichtbeton und an den Wänden vielfarbige hinterleuchtete Bilder schaffen eine besondere Atmosphäre. Ebenso wie die Mineralien in ihren gekonnt ausgeleuchteten Schaukästen, die hier quasi an den Ort ihrer Entstehung zurückgekehrt sind. Ein Ort, der so wie der gesamte Deutschnonsberg vieles vereint – Geschichte und Krisen, Besinnung und Aufbruch, Innovation und Tradition.

Der Deutschnonsberg

Als Deutschnonsberg bezeichnet man drei deutschsprachige Gemeinden am oberen Ende des Nonstales, die anders als die übrigen Gemeinden des Tales nicht zum Trentino, sondern zu Südtirol gehören. Erreichbar sind Laurein und Proveis über das Ultental; nach Unsere Liebe Frau im Walde mit der Fraktion St. Felix gelangt man über den Gampenpass. Insgesamt leben gut 1.800 Menschen am Deutschnonsberg auf rund 1.100 bis 1.400 Metern Meereshöhe – überwiegend von Landwirtschaft, Handwerk und Tourismus. Vor allem Laurein und Proveis sind nach wie vor von Abwanderung betroffen. Der Bau der Verbindungsstraße ins Ultental und die Leader-Programme der EU sorgen seit einigen Jahren für eine Aufbruchsstimmung in der Region. Die Löwenzahnwochen und Radicchiotage gehören zu den Projekten, die heute viele Einheimische und Besucher anziehen.

Text: Ariane Löbert
Fotos: Hannes Niederkofler