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Arbeiten mit den Elementen

Vinzenz Dirler und sein Sohn Stefan arbeiten mit Feuer, Wasser, Luft und Erde. Sie betreiben in Marling die einzige Kunstgießerei Südtirols.

Eine eiserne Treppe führt steil hinunter in den Keller. Er ist kühl und dunkel, die steinernen Wände sind von den Jahren gezeichnet. Werkzeuge hängen an der Wand und liegen in den Regalen: Luftfräse, Meißel, Feilen, Hammer, Raspeln. Wo man hinblickt, stehen kleine Figuren. Alles ist mit einer dünnen Staubschicht bedeckt. Auf 100 Quadratmetern wird im ehemaligen Stall des Prantlhofs in Marling geschweißt, gefräst und geschliffen. Seit 15 Jahren hat hier die einzige Kunstgießerei Südtirols ihren Platz – der Betrieb selbst existiert aber bereits seit 1979. Hier werden die Werke von Kunden – meist Künstlern – in Aluminium, Messing und vor allem Bronze gegossen.
Altmeister Vinzenz Dirler, 62, steht an der Werkbank. Er trägt Schutzbrille, Atemmaske und Ohrenschutz. Sein grau meliertes Haar lugt unter der staubigen Schirmmütze hervor, die Jacke ist ausgebleicht, der starre Lederschurz ebenfalls staubig. Er ist gerade beim letzten Arbeitsschritt als Kunstgießer und gibt einer Engelsfigur den letzten Schliff. Feiner Bronzestaub wirbelt auf und legt sich auf alles, was ihm in den Weg kommt. Auch auf die Arbeitskleidung von Sohn Stefan. Der 28-Jährige hat vor zehn Jahren nach dem Besuch einer Elektrofachschule im Betrieb seines Vaters angefangen, 2010 hat er die Leitung übernommen. Nach dem Schleifen wird die Bronzefigur noch sandgestrahlt, um die metallene Oberfläche vor Rost zu schützen, oder mit einer künstlichen Patina überzogen oder poliert.

 

 

Kleines Museum

Wochen vorher. Die Arbeit beginnt im Erdgeschoss. Hier werden die Modelle der Kunden zuerst in Wachs nachgeformt und die Gussform erstellt. Schwere Teile können später mit dem eigens eingebauten Lift in den ersten Stock zur Weiterverarbeitung hochgefahren werden. Dank der großen Fenster ist es hell, dennoch erinnert der Raum ein wenig an ein Horrorkabinett. Überall stehen und liegen Wachsfiguren und Körperteile aus Gips. Es sind Modelle von Kunstwerken von Südtiroler Künstlern wie Walter Moroder, Friedrich Gurschler, Irma Hölzl oder Karl Grasser. Sie alle haben ihre Kunstwerke hier in Bronze gießen lassen. Die Wachsformen bewahren die Dirlers eine Zeit lang auf. „Für den Fall, dass die Künstler einen zweiten Abguss möchten“, erklärt Vinzenz Dirler. Bis dahin liegen und stehen sie hier herum, wie so vieles in der Werkstatt. Überall lauern kleine Kunstwerke: Figuren, die keiner mehr abholte, weil das Geld fehlte, Statuen von Künstlern, die vor Beendung des Projektes verstarben. Der Meraner Künstler Gigi Picelli hat mit schwarzen Strichen eine schwangere Frau an die Wand gemalt. An der Wand der Toilette im Garten hat er sich mit nackten Frauen und Penissen verewigt. Die Kunstgießerei Dirler ist im Laufe der Jahre fast schon zu einem kleinen Museum mutiert. In einer Ecke des kleinen Gartens vor dem Haus steht ein Bronze-Ötzi, vor dem Hauseingang spuckt ein Gargoyle, ein groteskes Fabelwesen, Wasser, vor dem Nachbarhaus stehen ein Tatzelwurm, ein drachenartiges Untier, und ein Brunnen, in den die Namen von Nachbarn, Künstlern und Freunden eingraviert sind. Im Garten erhebt sich eine kleine Steinkuppel. „Hier überwintern meine Igel“, sagt Vinzenz. Manchmal wird er im Dorf als ein bisschen verrückt bezeichnet, erzählt er, aber das ist ihm egal.

Am Anfang war das Wachs

Im ersten Stock der Kunstgießerei. „Jede Vorlage wird am Anfang mit Knetmasse umgeben“, erklärt Stefan. Darüber legen die Kunstgießer einen Gipsmantel, der aus mehreren Teilen besteht, um ihn später öffnen zu können. Nachdem der Gips hart ist, wird das Modell freigelegt und die Knetmasse entfernt. Anschließend setzen die Dirlers die Gipsteile wieder mit dem Modell zusammen. In den Hohlraum zwischen Gips und Modell füllen sie flüssige Gelatine. Aus dieser so entstandenen Negativform wird das Modell entfernt und flüssiges Wachs eingegossen. Ist das Wachs ausgehärtet, entfernen die Kunstgießer den Gips-Gelatine-Mantel – übrig bleibt die genaue Wachsnachbildung des Werkes. Wachsausschmelzverfahren nennt man das.

Bis diese Vorlage für die Bronzearbeit steht, vergehen Tage. Dann geht die Arbeit im Keller weiter, in einem Gewölbe aus Trockenmauern, dem ehemaligen Weinkeller. Hier liegen etliche Bronzestatuen, die auf den Feinschliff warten. Auch eine Männerbüste aus Wachs, gespickt mit dünnen Nägeln und seltsam verrenkten Gebilden, die aus Nase, Wangen und Schädel ragen. „Das sind Schilfrohre – an ihrer Stelle bleiben danach die Kanäle zum Eingießen und zum Entlüften“, erklärt Stefan. Er ist in die Arbeit als Kunstgießer hineingewachsen. Schon als Kind hat er seinem Vater fasziniert bei der Arbeit mit Feuer, Ton und Plastilin zugesehen. Heute mag er an seinem Beruf vor allem die Abwechslung. „Man gräbt, brennt, gießt, schleift und schweißt. Man arbeitet mit allen Elementen: Wasser, Luft, Feuer, Erde … Es ist immer spannend“, sagt er und wirkt sichtlich zufrieden mit seinem Beruf. Bei der Arbeit mit den Einguss- und Entlüftungskanälen ist Präzision gefragt. „Wenn sie nicht genau angebracht werden, können Gase nicht entweichen und beim Gießen besteht Explosionsgefahr“, sagt Vinzenz mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. „Wie ein Vulkan. Das ist schon mal passiert, dann ist die flüssige Bronze durch die Werkstatt geflogen.“ Ganz ungefährlich ist das Handwerk des Bronzegießers also nicht.

Die Kür des Gießens

Bevor es ans Gießen geht, ummanteln die beiden Experten die Wachsmodelle mitsamt den Schilfrohren mit einem Gemisch aus feuerfesten Steinen, Gips und Wasser. So entstehen die Gussformen, die wie Kokons aussehen. Sobald sie trocken sind, verbringen sie übereinandergestapelt fünf Tage im zwei Meter hohen Brennofen, den Stefan stolz präsentiert. Bei 800 Grad und glühendem Feuer verbrennen die Schilfrohre, das Wachsmodell schmilzt und es bleiben nur die leeren Kokons mit den Einguss- und Entlüftungskanälen übrig. Nach rund drei Tagen Abkühlung wird der Kokon in eine dafür vorgesehene Erdgrube in der Werkstatt eingegraben, damit er dem Gießdruck standhält. Dann folgt die eigentliche Kür: der Guss in Bronze. Die Kunstgießer erhitzen Bronzebarren auf 1.300 Grad und gießen die Bronze in den Kokon – eine körperlich sehr anstrengende Arbeit, die Hitze macht den Männern zu schaffen. Die Bronze staut sich im Kokon und steigt über die Kanäle nach oben. In nur wenigen Minuten erstarrt das Material und Vater und Sohn Dirler zerschlagen den Kokon. Dirler senior hat das Gießen in Österreich und Verona gelernt. In das Handwerk hineingeschnuppert hat er aber bereits als Kind. An jedem schulfreien Donnerstag half Dirler auf einem Hof im benachbarten Dorf mit, die Bronze flüssig zu machen. „Dort habe ich meine Berufung gefunden“, sagt er und lacht.

Text: Petra Schwienbacher
Fotos: Damian Lukas Pertoll