Im Zeichen des Jazz
Wer Jazz sagt, muss auch Helga Plankensteiner und Michael Lösch sagen. Denn kaum zwei Namen stehen in Südtirol so bildhaft für eine Musikrichtung wie jene der Saxofonistin, Sängerin und Lehrerin aus Pfalzen, nun wohnhaft in Lana, sowie des Pianisten und Komponisten aus Lana. Seit Jahrzehnten formen die beiden preisgekrönten Vollblutmusiker die Jazzszene des Landes maßgeblich mit und inspirieren mit ihrer Art ganze Generationen von Musiker:innen und Musikbegeisterten. Man kann getrost behaupten, dass ohne ihr Engagement Südtirols Musikwelt wohl um einiges leiser und eintöniger wäre.
Seit wann ist die Musik Teil eures Lebens?
Helga Plankensteiner: Musik hat schon immer eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Meine Eltern waren selbst sehr musikalisch und ich habe schon mit vier Jahren allen, die es hören wollten, erzählt, dass ich einmal Sängerin werde. Ich war im Kirchenchor und habe in der Musikkapelle Klarinette gespielt. Dieses Selbstbewusstsein ist mir im Lauf der Zeit leider abhandengekommen und ich habe einige Zeit lang gar keine Musik mehr gemacht. Bis ich über Freunde wieder zur Musik gefunden und am Konservatorium in Innsbruck klassischen Gesang und Klarinette studiert habe, später dann Saxofon. Auslöser dafür war meine Begegnung mit dem Saxofonisten Florian Bramböck, der dort unterrichtet hat.

Michael Lösch: Ich bin eher zufällig zur Musik gekommen. Meine Eltern haben mich in die Musikschule geschickt, wo ich mich zum ersten Mal an ein Klavier setzen durfte. Damit war meine Liebe für dieses Instrument geboren. Da wir zuhause kein Klavier hatten, habe ich oft bei Freunden geübt. In der Oberschulzeit hatte ich dann meine erste Band. Wir haben eine Fusion aus Gospel und Blues gespielt. Studiert habe ich letztlich aber Architektur in Innsbruck und Venedig.

Was fasziniert euch am Jazz?
ML: Mich fasziniert, dass Jazz nicht streng nach Noten funktioniert, sondern dass man sich Lieder aus dem Gehör heraus erarbeiten kann. Das ist ganz nach meinem Geschmack, weil ich das klassische Notenspiel immer als eher langweilig empfunden habe. In meiner Jugend gab es in Südtirol keine echte Jazzszene. Wollte man Jazzplatten kaufen oder ein Jazzkon zert besuchen, musste man bis nach München oder Mailand fahren. Und natürlich gab es in Südtirol auch keine Möglichkeit, eine Jazzausbildung zu absolvieren. Also habe ich in Mailand beim Komponisten und Pianisten für Modern Jazz Franco D’Andrea sowie in Graz und später dann in Trient am Konservatorium Jazz studiert.

„Wie sich ein Lied entwickelt, hängt von den Musiker:innen ab.“

HP: Mein Aha-Moment war, als ich das Lied Lullaby of Birdland von Sarah Vaughan zum ersten Mal gehört habe. Von diesem Moment an war ich wie infiziert von dieser Musikrichtung. Als ich Michael dann bei einer Jam-Session in Brixen kennenlernte, habe auch ich beschlossen, Jazz in Trient zu studieren. Ich bin ein Freigeist. Jazz erlaubt es mir, diese Freiheit auszuleben. Ich kann mich ausprobieren und ausdrücken, wie ich will. Wichtig ist nur, dass es gut klingt. Ich mag am Jazz das Unvorhersehbare. Wie sich ein Lied entwickelt, hängt von den Musiker:innen ab, die auf der Bühne performen. Wenn keine Improvisation mehr dabei ist, dann ist es für mich nicht mehr Jazz.

Lana meets Jazz ist heute eines der wichtigsten Musikfestivals des Landes. Habt ihr mit so viel Erfolg gerechnet?
HP: Als wir mit der Konzertreihe begannen, war es unser Anliegen, den Schüler:innen der Musikschule die Möglichkeit zu geben, gemeinsam mit professionellen Musiker:innen vor Publikum aufzutreten. Wir wollten den Menschen vor Ort aber auch zeigen, wie Jazz wirklich funktioniert. Damit sind wir bei der Bevölkerung sofort auf großen Zuspruch gestoßen. Und auch der damalige Bürgermeister Christoph Gufler hat unsere Idee von Anfang an mit viel Enthusiasmus unterstützt.

ML: Mit der Zeit wurde aus der monatlichen Konzertreihe ein jährliches Festival. Seit 14 Jahren findet Lana meets Jazz nun immer im Juni statt. Wir arbeiten sechs Monate an der Umsetzung des Festivals. Unter unserer künstlerischen Leitung bespielen regionale, nationale und internationale Jazzgrößen, aber auch Jazznewcomer verschiedene Locations in Lana und am Vigiljoch. Dabei versuchen wir auch möglichst viele Jazzmusikerinnen einzuladen. Das gelingt uns leider
nicht immer in dem Maß, wie wir es uns wünschen würden, auch weil die Branche noch immer sehr männlich besetzt ist. Und natürlich bieten wir während des Festivals weiterhin jungen Jazzschüler:innen sowie der Bigband der Musikschule Lana eine Plattform.

HP: Wir sind keine Freunde von musikalischen Grenzen. Darum ist unser Programm immer bunt gemischt und reicht von traditionellem Jazz bis hin zu Free Jazz. Das Publikum nimmt dieses Angebot mit Begeisterung an. Wir haben durchschnittlich bei jedem Konzert zwischen 100 und 200 Besucher:innen. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich denke wir haben nicht mit einem so anhaltenden Erfolg gerechnet. Aber wir haben wohl den Nerv der Zeit getroffen. Für uns ist es nach
wie vor toll, Lana und seine Bewohner:innen mit jener Musik in Berührung zu bringen, für die unser Herz schlägt.

„Seit 14 Jahren findet Lana meets Jazz im Juni als jährliches Festival statt.“

Wie wichtig ist euch die musikalische Nachwuchsförderung?
HP: Ich glaube, ich kann für uns beide sprechen, wenn ich sage, dass uns die generelle Förderung von Jazz sehr wichtig ist. Darum haben wir 2007 auch den Kulturverein Sweet Alps gegründet, mit dem wir Konzerte organisieren, aber auch die
Produktion von CDs und die Vermittlung musikalischer Projekte aus dem Alpenraum unterstützen. Dazu gehört natürlich auch die Förderung junger Musiker:innen in der Musikschule, aber auch bei Workshops. Daneben leite ich seit 2012 die Südtiroler Jugendbigband. Sie versammelt junge Musiker:innen zwischen 18 und 25 Jahren aus ganz Südtirol, die gemeinsam Originalwerke von Komponist:innen der Euregio-
Region spielen. Mein Wissen weiterzugeben und zu sehen, mit wie viel Begeisterung dieses Wissen angenommen und umgesetzt wird, bereitet mir große Freude.
An welchen gemeinsamen Projekten arbeitet ihr neben Lana meets Jazz noch?
ML: Wir haben mehrere Musikformationen gegründet mit denen wir in unregelmäßigen Abständen gemeinsam auftreten. Mit der Band Revensch spielen wir Klezmer- und Balkanmusik, aber auch Dixieland und Funkstücke sowie Chansons aus den 1920er-Jahren. Mit unserer Band Jelly Roll arrangieren wir Kompositionen des amerikanischen Jazzpianisten Jelly Roll Morton neu. Ein weiteres musikalisches Projekt ist die Gruppe Plankton, mit der wir unter anderem sieben Lieder aus Schuberts Winterreise als Jazz-Arrangements für Klavier und Stimme vertont haben. Daneben sind wir aber immer wieder auch mit eigenen Projekten zu hören und zu sehen.

HP: Im Lauf der Zeit haben sich für uns neben der Musik noch weitere gemeinsame Projekte aufgetan. So konzipieren und moderieren wir einmal pro Woche die Radiosendung Abenteuer Jazz auf Rai Südtirol und kuratieren die wöchentlich
stattfindenden Livemusik-Abende All that Jazz im Hotel Laurin in Bozen. Im Sommer betreue ich außerdem das musikalische Rahmenprogramm von Lana23°°, an den langen Sommerabenden donnerstags im Zentrum von Lana.

Was schätzt ihr an Lana besonders?
ML: Lana beheimatet viele Kunst- und Kulturschaffende. Es wird in diese Richtung wirklich viel geboten. Neben Lana meets Jazz finden noch weitere Festivals statt, etwa das transdisziplinäre Kulturfestival LanaLive. Besonders interessiert verfolgen wir die Arbeit der Bücherwürmer, einem Kulturverein, der sich mit seinem engagierten literarischen Tun weit über Lana hinaus einen Namen gemacht hat. Über das Jahr verteilt organisiert der Verein zahlreiche Lesungen, veranstaltet Literaturtage und verleiht einen Literaturpreis. Auf Einladung der Bücherwürmer haben auch schon einige Literaturnobelpreisträger, wie etwa Herta Müller oder Peter Handke, ihren Weg nach Lana gefunden.

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