Von außen erscheint das Haus zeitlos, sein Inneres birgt ein ganzes Universum aus Licht, Holz und Stille. Es ist ein Ort zum Arbeiten, Nachdenken und Begegnen. Gleichwohl hat dieses Haus noch eine andere, geheimnisvolle Geschichte zu erzählen, die tief im Herzen der europäischen Kunst verwurzelt ist. Es stand nämlich schon hier, nahezu unverändert wie heute, als am 6. Mai 1908 der berühmte russische Künstler Wassily Kandinsky gemeinsam mit seiner Gefährtin Gabriele Münter nach Lana kam – mit der Straßenbahn, die damals noch Meran mit dem kleinen Ort verband.
Die beiden waren Gäste von Alexander Strakosch, einem Kunstliebhaber, der davon träumte, eine Künstlerkolonie in den Bergen zu gründen. Nach ausgedehnten Europa-Reisen suchte der Maler eine Pause und einen Rückzugsort fernab vom Münchner Trubel. Das Etschtal empfing ihn mit seiner Berglandschaft, den Obstwiesen und Häusern mit spitzen Dächern sowie den langen sonnigen Tagen wie eine Lichtoase. In Lana blieb der Künstler für einen Monat und in dieser Zeit malte Kandinsky unermüdlich. Seine Ansichten von Lana zeigen ein allmähliches Auflösen der Konturen und eine neue Aufmerksamkeit für Farbe als eigenständige Energie – fähig, innere Empfindungen auszudrücken, statt äußere Formen zu beschreiben.
Eben hier, zwischen der Stille der Wiesen und dem gemächlichen Rhythmus der Tage, reifte jenes Bewusstsein, das ihn schließlich zur Abstraktion führen sollte. Eine entscheidende Wende, zeichnete sich ab: Nur wenige Monate später trat er der Neuen Künstlervereinigung in München bei und und schlug jenen Weg ein, der die Malerei des 20. Jahrhunderts für immer verändern sollte.