Ein Tag als Archivist
Errwähnt man den Beruf des Archivars, begegnet man nicht selten fragenden Blicken. Wer aus der Branche kommt, weiß, was es bedeutet, sich mit Archiven zu beschäftigen und historische Quellen zu erschließen. Für viele andere bleibt das Thema jedoch vage. Nicht selten wird die Arbeit eines Archivars mit jener eines Bibliothekars oder Historikers verwechselt: verwandte Berufe mit ähnlichem Hintergrund, aber unterschiedlichen Aufgaben und Zielen. Manchmal übernimmt aber auch die Fantasie die Oberhand. Inspiriert von Büchern wie „Der Name der Rose”, „Sakrileg” oder Filmen wie „Indiana Jones”, stellt sich gar mancher ein Berufsleben zwischen geheimnisvollen Archiven, verborgenen Codes in alten Manuskripten und abenteuerlichen Schatzsuchen vor. Die Realität ist zwar weniger spektakulär, aber keineswegs weniger faszinierend. Wie genau sie aussieht, davon erzählt uns Archivar Simon Terzer.

Simon Terzer ist gebürtiger Meraner und hat in Innsbruck Geschichte und in Wien Archivwissenschaft studiert. Heute arbeitet er in Lana als freiberuflicher Historiker und Archivar und betreut Projekte in verschiedenen Einrichtungen der Region. Dazu gehören etwa das Archiv des Deutschen Ordens in Lana, des Benediktinerklosters St. Georgenberg-Fiecht in Nordtirol, das Südtiroler Obstbaumuseum/Archiv.Lana, das Gemeindearchiv von Tisens sowie das Archiv des Euregio-Kulturzentrums Gustav Mahler in Toblach. Darüber hinaus ist er Autor mehrerer Publikationen zur Lokalgeschichte von Lana und Umgebung sowie zu Familienarchiven und historischen Nachlässen in österreichischen Archiven. Seine Neugier für den Beruf des Archivars entwickelte Simon Terzer bereits während der Oberschulzeit, wo er das Glück hatte, auf eine Lehrerin zu treffen, die ihm die Leidenschaft für das Fach Geschichte und den Wert kritischen Denkens vermittelte. Für seine Maturaarbeit im Jahr 2001 rekonstruierte er die Geschichte des Hofmann Hofs in Lana, der damals vor dem Abriss stand. Dabei erkannte er den unverzichtbaren Wert schriftlicher Quellen für das historische Arbeiten. Im darauffolgenden Sommer erhielt er den Auftrag, das Gemeindearchiv von Lana neu zu ordnen. Ebendort, zwischen alten Akten und staubigen Registern, wurde ihm bewusst, dass er ohne Kenntnisse der Altdeutschen Schrift und ohne eine fundierte archivistische Ausbildung an seine Grenzen stößt. Also begann er neben seinem Geschichtsstudium in Innsbruck regelmäßig in Archiven zu arbeiten. Die dort gesammelten Erfahrungen erwiesen sich als richtungsweisend und bewegten ihn dazu ein Archivistikstudium in Wien anzuschließen, woraufhin die ersten beruflichen Aufträge folgten.
Wie sieht nun ein typischer Arbeitstag eines Archivars aus? Simon Terzer erzählt, dass keiner dem anderen gleicht, sondern vielmehr vom Wechsel unterschiedlicher Aufgaben geprägt ist. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Erwerb, Erschließung und Pflege von Archivmaterial. Oft beginnt der Tag mit der Ankunft neuer Dokumente – wie Akten, Fotografien oder Tonaufnahmen – aus Nachlässen, öffentlichen Ämtern oder privaten Sammlungen. Mitunter führen ihn seine Recherchen aber auch in Keller und auf Dachböden: staubige, kühle Orte, an denen seit Jahren Materialien weitestgehend unbeachtete lagern. Nach Sicherung und Überführung in – wenn möglich – geeignete, beheizte Arbeitsräume werden die Dokumente sorgfältig gesäubert, geordnet und in passende Archivbehältnisse überführt, bevor sie in Datenbanken erfasst werden. Diese Phase verlangt Geduld und Präzision und wird gleichzeitig von einer subtilen Entdeckungsfreude begleitet. Für zusätzliche Bewegung im Arbeitsalltag sorgen interne Anfragen oder jene von Forschenden, die die Qualität der Katalogisierung immer wieder auf den Prüfstand stellen. Oft wird auch die Digitalisierung von Dokumenten, Fotografien oder Filmmaterial für Publikationen, Ausstellungen oder Medien in Auftrag gegeben. Eine Arbeit die technisches Know-how und Sorgfalt erfordert, insbesondere bei der Qualität der finalen Aufbereitung. Simon Terzer bestätigt, dass die Technologie viele Arbeitsschritte erleichtert hat, von der Erstellung von Datenbanken bis hin zur raschen Beantwortung von Anfragen mithilfe von Handyfotos. Gleichzeitig erschweren begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen in kleineren Einrichtungen häufig die Einführung moderner Softwarelösungen oder umfassender Digitalisierungssysteme.

Zu den spannendsten Aspekten seines Berufs zählt für Simon Terzer die Verbindung von Recherche und Rekonstruktion. Archivarbeit lebt von Recherche, von unerwarteten Zusammenhängen und von Geschichten, die aus verstaubten Akten und alten Büchern wieder auftauchen. An Herausforderungen mangelt es dabei wahrlich nicht: Dazu gehören etwa die gleichzeitige Betreuung mehrerer Projekte oder die sprichwörtliche „Eroberung“ eines chaotischen und ungepflegten Archivs vor der eigentlichen Katalogisierung – beidesArbeitsfelder, die ein gewisses Organisationstalent erfordern. Denn für Ordnungsliebhaber wie ihn ist es die größte Befriedigung, wenn ein Archiv nach und nach Struktur annimmt und schließlich für die Nutzung zugänglich wird. Als Freiberufler hat Simon Terzer zudem die Möglichkeit, mit ganz unterschiedlichen Realitäten in Berührung zu treten, die von Venedig bis Wien reichen: Archive adeliger Familien, bäuerliche Sammlungen alter Höfe, klösterliche Bestände und Unternehmensarchive zählen dazu. Entgegen mancher Vorstellung, so berichtet der Archivar, ist der tägliche Austausch mit Menschen ein zentraler Bestandteil der Archivarbeit. Auftraggeber wie Gemeinden, Klöster, Privatpersonen oder Unternehmen sind häufig auf der Suche nach Dokumenten mit rechtlicher Relevanz. Hinzu kommen leider immer seltener, und das bedauert Simon Terzer sehr, Studierende, die bei der Suche nach Materialien begleitet werden wollen, welche im Internet nicht zugänglich sind. Weitere Besucher:innen der Archive sind Lokalhistoriker:innen, Chronist:innen, Genealog:innen und Forschende, die in Archiven zu Recht unschätzbare Wissensschätze sehen.
Schätze findet Terzer auch bei seiner Arbeit für das Südtiroler Obstbaumuseum/Archiv Lana, für die Gemeinde Lana sowie für das Kloster des Deutschen Ordens in Lana, wo immer wieder wertvolle oder auch außergewöhnliche Dokumente zutage treten. Besonders beliebt beim Publikum sind alte Fotografien, Architekturpläne, Kurzfilme und Plakate – Materialien, die sofort zugänglich sind und keine sprachlichen Barrieren mit sich bringen. In den Archiven finden sich aber auch mittelalterliche Urkunden, Tagebücher, Protokolle, Briefe und Chroniken, welche die Geschichte der Region greifbar machen: von einer illuminierten Pergamenturkunde mit einer Ablassgewährung von 1332 für die Pfarrkirche von Niederlana über das Menü, das für Erzherzog Eugen im Kloster des Deutschen Ordens zubereitet wurde, bis hin zu einem Brief einiger SVP-Aktivistinnen zu den kontroversen Debatten über Sexualerziehung an den Schulen in den 1970er-Jahren.

Für die Zukunft hat Terzer bereits weitere Projekte parat: Das erste betrifft das unter Denkmalschutz stehende Kapuzinerkloster in Lana, das sich im Eigentum von Gemeinde und Pfarrei befindet und in dem heute noch der letzte Kapuzinermönch von Lana, der 96-jährige Pater Bruno Frank, lebt. Für die Zukunft des Klosters stellt sich Simon Terzer die Umwandlung der ehemaligen Zellen in einen gemeinsamen Kulturraum – ein Gedächtniszentrum für künftige Generationen – vor, der die zahlreichen öffentlichen und privaten Archive der Region aufnimmt. Das zweite Projekt ist die Einrichtung einer Datenbank zur Geschichte der Höfe und Gebäude der Region, die kontinuierlich mit Dokumenten, Fotografien und Informationen ergänzt wird. Kein abgeschlossenes Buch, sondern ein offenes, sich ständig weiterentwickelndes Instrument, das allen zugänglich ist. Zwei beeindruckende Initiativen also, die den Kern archivistischer Arbeit widerspiegeln: die Vergangenheit im Heute zugänglich zu machen und verlässliche, geteilte Quellen an Orten der Kultur bereitstellen. Wir hoffen, dass Simon Terzers Visionen Wirklichkeit werden und so das Gedächtnis von Lana und Umgebung für kommende Generationen lebendig halten.
War der Inhalt für dich hilfreich?
Vielen Dank für Deine Rückmeldung!
Danke!
Lass deine Freunde daran teilhaben...
Teile Textpassagen oder ganze Stories und lass Deine Freunde wissen was dich begeistert!
Teilen