Wenn heute von Meran als internationaler Kurstadt die Rede ist, führt an einem Namen kein Weg vorbei: Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi. Ihre insgesamt drei Aufenthalte in der Region waren die Initialzündung für den Aufstieg Merans vom ländlichen Talort zur mondänen Kurmetropole. Und mitten in diesem rasanten Aufschwung lag ein Ort, der der Kaiserin besonders ans Herz gewachsen war: Hafling.
Schon bei ihren ersten Winterbesuchen in den Jahren 1870 und 1871, als Sissi mit ihren Töchtern Gisela und der kränkelnden Maria Valerie im Schloss Trauttmansdorff residierte, zeigte das milde Klima seine heilsame Wirkung. Maria Valerie erholte sich schnell, die Presse berichtete begeistert – und auf einmal wollte halb Europa „dorthin, wo die Kaiserin zur Kur weilt“. Meran avancierte in kürzester Zeit zum Geheimtipp des Hochadels. Doch Sissi war nicht gekommen, um im Rampenlicht zu stehen. Im Gegenteil: Sie suchte Ruhe, Natur und Bewegung, weit abseits strenger Hofetikette und neugieriger Blicke. Tag für Tag erkundete sie die Berge, oft stundenlang, zu Fuß oder auf dem Rücken ihres Leibpferdes, einer dunkelbraunen Haflingerstute aus den Stallungen von Schloss Trauttmansdorff.
Einer ihrer Lieblingsorte war Hafling: Die offenen Wiesen, die klare Sicht auf die Dolomiten und die vielen stillen Pfade hatten es der Kaiserin besonders angetan. Wohl auch, weil sie hier ihre tief verwurzelte Sehnsucht nach Freiheit stillen konnte. Bei ihren Aufenthalten in Meran und Umgebung blieb Sissi gern unerkannt. Schon bei ihrer Ankunft verbarg sie sich hinter den Gardinen ihres Salonwagens, und wenn sie in einer Hütte einkehrte, verriet sie sich höchstens durch ihre Großzügigkeit. So wie beim Sulfner im Mai 1871, als sie nach einem Ausflug zum St.-Kathrein-Kirchlein im Gasthaus ein Glas Milch bestellte – und mit einem Golddukaten bezahlte. Spätestens da war den Gastgebern klar, dass die zurückhaltende Dame kein gewöhnlicher Gast sein konnte. Wie sehr Sissi Hafling schätzte, zeigt auch die Tatsache, dass sie mit dem Gedanken spielte, hier ein Haus zu kaufen. Dazu ist es zwar nie gekommen, doch allein die Vorstellung, dass Hafling beinahe zur kaiserlichen Sommerresidenz geworden wäre, verrät viel über die Anziehungskraft, die das Dorf am Fuße des Ifingers auf die Kaiserin ausübte.
Mit ihren Aufenthalten setzte Sissi eine Entwicklung in Gang, die Meran nachhaltig geprägt hat. Kurhaus, Bahnverbindung, Grandhotels – ihr Einfluss war Inspiration und Anstoß für zahlreiche Neuerungen. Und so ist die Behauptung wohl durchaus gerechtfertigt: Sissi war die erste Influencerin Merans, die den „Points-of-Interest-Tourismus“ lange vor dem Selfie-Zeitalter begründete – nur dass ihre Empfehlungen damals nicht über Posts und Reels, sondern mittels Briefe und Mundpropaganda die Runde machten. Aber ganz ehrlich: Für jemanden, der in der Geschichte so viel Eindruck hinterlassen hat, wären ein paar Millionen Follower wohl reine Formsache gewesen …