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„DER HOF IST MEIN LEBEN“ EINSAM – ABER NICHT VEREINSAMT HOCHGELEGENE BERGHÖFE IM SCHNALSTAL

„DER HOF IST MEIN LEBEN“ EINSAM – ABER NICHT VEREINSAMT HOCHGELEGENE BERGHÖFE IM SCHNALSTAL

Sie sind die kostbarsten Schätze im Schnalstal. Von den Besitzern geliebt, von Wanderern bewundert und wegen ihrer authentischen Kulisse von Filmemachern geschätzt. Über Jahrhunderte haben die hochgelegenen Berghöfe dem Einfluss von Wetter und Wandel getrotzt und scheinen so tief verwurzelt in Wiesen, Wäldern und Bergen wie ein alter Baum. Mit ihren blumengeschmückten Holzfassaden, den heimeligen Stuben, den Stadeln und Ställen wecken sie die Ursehnsucht nach Geborgenheit. Sie erzählen die Geschichten vieler Generationen, die sich schon um die Kachelöfen versammelten und den Häusern eine Seele gaben. Lichtjahre entfernt von der Betriebsamkeit der Stadt, weit weg von der Bequemlichkeit hochtechnisierter Haushalte und hoch über dem Glitzer der Nacht mögen die archaischen Gehöfte im Schnalstal zwar abseits liegen, aber einsam fühlen sich ihre Bewohner nicht. Autorin Dagmar Gehm hat einige von ihnen besucht.

Wie verschafft sich eine norddeutsche Städterin Zugang zur Welt eines coolen Jungbauern, der mit einer Sense das Gras auf steil abfallender Alm mäht?

Spricht sie ihn einfach an mit: „Hallo, wie lebt es sich denn so hier oben?“ Klingt irgendwie platt. Auch bei der völlig überflüssigen Frage: „Hast Du keine Angst abzurutschen?“ würde sie Gefahr laufen, abgewatscht zu werden. AC/DC heißt schließlich das Sesam-öffne-dich, um im Spätsommer alpines Eis zum Schmelzen zu bringen. Ausgerechnet die australische Hard-Rock-Band entpuppt sich als gemeinsamer Favorit – generationsübergreifend. „Highway to Hell“ – Schnellstraße zur Hölle – hat sich Armin Gorfer beim Mähen auf’s Ohr gelegt, obwohl der Weg eigentlich in die entgegengesetzte Richtung führt, die Hölle nicht in Sicht ist, aber der Himmel auf 1.822 Metern dafür umso näher.

Fuchs, du hast das Huhn gestohlen

Mit seiner älteren Schwester Birgit ist Armin im Almeinsatz am Raffeinhof. Höchste Zeit, denn ein paar Wochen später wird der frühe Schneefall den „Grummet“, wie der zweite Schnitt genannt wird, verhindern, der für genügend Heu im Schober über den langen Winter gesorgt hätte.
Viel Zeit zum Grämen nimmt die Familie sich nicht, da hat es schon viel schlimmere Schläge gegeben. Zwei Brüder von Meinrad fanden unter einer Lawine den Tod. Ein furchtbares Unglück traf den Hof, als dann noch die Mama starb und ihren Mann Meinrad mit den fünf Kindern zurückließ. Zwei von ihnen leben noch immer zuhause und müssen sehen, wie sie gemeinsam mit dem Vater allein zurechtkommen. Birgit hat die Hausarbeit übernommen. Und seine Lieblingsspeise, Semmelknödel mit Speck, bereitet sie ihm auch. Doch fehlen tut die Mama schon sehr.
Für den Stall zeichnen die Männer verantwortlich. Über 50 Schafe, dazu Dutzende von Ziegen, Kühe und Jungrinder wollen versorgt sein. Bei den Hühnern kämpfen sie gegen Windmühlen: „21 hat der Fuchs heuer schon geholt“, klagt der Bauer. Hand in Hand arbeiten Vater und Sohn. „Nur wenn ich einen Hasen schlachte, geht Armin weg“, feixt Meinrad.
Einen Wecker braucht Meinrad nicht. Das übernimmt so gegen 5 Uhr früh der „Gigger“, der Hahn. Der Fleiß liegt der Familie in den Genen. Schon Erzherzog Ferdinand II. von Österreich hat im Mittelalter dem Vorfahren Peter Raffeiner wegen erwiesenen Gehorsams und geleisteter Dienste ein Wappen bewilligt, ihm und allen „seinen ehelichen Leibeserben und derselben Erbens-Erben“, wie es im Wappenbrief geschrieben steht.
Meinrad kramt eine alte Urkunde hervor, aus der hervorgeht, dass der 365 ha große Bergbauernhof am Rande des Tisentals bauzeitlich in die Jahre 1340/45 zurückgeht. Damals gab es noch eine Hauskapelle, deren Mauerreste noch heute sichtbar sind. Handgezimmert aus Lärchenstämmen und mit Schindeln gedeckt, ist der Raffeinhof ein Schmuckstück. Vom Onkel hatte Meinrads Vater Anton den Hof gekauft. 1944 hat er eigenhändig Strom- und Wasserleitungen gelegt. Trotz Lawinen und Blitzeinschlag war man froh, so hoch oben, auf 1.822 m, zu leben. Es sich nach getaner Arbeit in der Zirbenstube gemütlich zu machen, die mit alten Familienfotos geschmückt ist, gewärmt von einem bulligen Kachelofen.
Obwohl erst 1994 die Straße von Vernagt herauf gebaut wurde und nur eine Materialseilbahn das Notwendigste lieferte. Mit 15 hatte Armin schon einen Scooter. Mit dem fährt er manchmal nach Kurzras in den Pub. „Man denkt immer, man kommt nirgendwo hin“, sagt der 30-jährige, „aber tauschen möchte ich trotzdem nicht.“ Denn kein Ort der Welt bietet ein so fettes Breitbandpanorama: den Wallfahrtsort Unser Frau, ein Stück vom Staudamm, die Bergbahn, die Gipfel von Nockspitze, Schröfwand und Similaunferner. Und das Beste: Direkt über die Wiese am Hof ziehen im Juni 2.000 Schafe zum Übertrieb nach Tirol vorbei und Mitte September wieder hinunter.
Selbst in den Flitterwochen sind Meinrad und seine junge Frau nicht verreist. Schwimmen kann keiner von ihnen. „Wir sind Bergmenschen“, bestätigen sie einmütig.
Irgendwann will Armin Haus und Hof übernehmen. „Zum Bauern taugt er gut“, sagt Meinrad, „aber zu lange schlafen tut er“. Zum Glück hört’s Armin nicht, denn er hat sich gerade mal wieder AC/DC aufs Ohr gelegt.

Der schärfste Schnaps, der je eine Flachlandkehle passiert hat

So einzigartig und unverwechselbar in ihrer Bauweise sind die prächtigen Berghöfe im Schnalstal, dass es im Sommer 2013 für zwei von ihnen sogar hieß „Film ab!“ Und zwar nicht für irgendeinen Billigschinken, sondern für einen echten Alpenwestern. „Das finstere Tal“ heißt der Bergthriller unter der Regie von Andreas Prochaska, in dem Sam Riley und Tobias Moretti mitspielen. Oft hat Armin trotz klirrender Kälte bei den Dreharbeiten am Marchegghof zugeschaut. Ganz hautnah an den Dreharbeiten war Familie Tumler dabei. Drei Monate lang haben sie dem Filmteam ihren Hof zur Verfügung gestellt. „Einige Kulissen haben wir erstmal stehen lassen“, sagt Helene. Doch auch ohne Filmrequisiten birgt der Hof kostbare Schätze, die jeden Bühnenaufbau in den Schatten stellen. Schließlich reicht seine Geschichte bis weit ins Mittelalter zurück. Lange wurde das Schnalstal nur Marcheggtal genannt. Schon 1394 wurde der unter Denkmalschutz stehende Hof erstmals urkundlich erwähnt. 1613 hielt wahrscheinlich als Mitgift einer Ötztaler Bauerntochter ein kunstvoll geschnitztes und bemaltes Bauernbett Einzug, in dem viele Generationen lang geschlafen, gezeugt und gestorben wurde und das momentan auf dem Dachboden vor sich hin kümmert. Aus dem gleichen Jahr stammt ein Gebetband rund um die Kammer: „Der Herr sei meine Zuversicht, wenn mein Mund kein Wort mehr spricht…“, beginnt das lange Gebet. Es muss geholfen haben, denn als einzige blieben die Bauern vom Gamperhof und die Bäuerin vom Marchegghof von der Pest Anfang des 17. Jh. verschont.
In der Rumpelkammer sollen früher im Winter auch die Toten aufbewahrt worden sein, bis sie im Frühjahr über das Taschenjöchl zur Pfarrei Göflan bei Schlanders gebracht werden konnten. Ganz schön gruselig, obwohl Helene versichert, dass es im Haus nicht spukt.
Einzigartig am Marchegghof ist auch der Pfostenspeicher mit neun runden Pfosten aus dem späten 16. Jahrhundert, die unten breit und oben schmäler werden, damit weder Mäuse noch Ratten Zugang zum Getreide erhielten. Und einmalig sind auch Helenes Künste, Schnaps anzusetzen. Eine doppelte Reihe von Flaschen wartet auf der langen Holzveranda auf ihre Öffnung. 23 Sorten sind es insgesamt. Helene gießt ein Stamperl voll mit Chilischnaps – wohl der schärfste Klare, der je die Kehle eines Flachländers passiert hat. Bisher hätten aber alle Gäste, die hier Urlaub auf dem Bauernhof machen, ihre Schnäpse überlebt, versichert die kreative Brennerin.
Natürlich geschwärzte Wände und Stangen, an denen Speck und Würste aus eigener Schlachtung hängen, zeugen in der Küche davon, dass sie früher auch als Räucherkammer diente. Viel wird hier verarbeitet, was der Hof hergibt. „Wir haben glückliche Kühe hier oben“, versichert Helene. „Gras und Kräuter sind viel saftiger als unten. Alles, was in der Höhe wächst, hat mehr Geschmack“. In einem Gärtchen gedeihen Beeren und Gemüse. Unterstützt von Helenes Mutter, müssen außer den Gästen auch Schafe und Kühe versorgt werden. Wie viele Bauern im Schnalstal liefern die Tumlers ihre Wolle zur Herstellung vom „ipotsch“, einer originellen Idee des TourismusvereinDirektors Manfred Waldner.
Langweilig wird es der Familie nie hier oben. Ihre Schafe scheren sie selber, und als Obfrau vom Schafzuchtverein muss sich Helene auch um die „Schafskörung“ finden, bei der die Tiere für Zuchtzwecke bewertet werden. Sie lässt Westen mit Schafen besticken und hat auch sonst jede Menge Ideen. Fernsehen versagt sie sich und ihren Gästen im Sommer: „Sie sollen lieber das Panorama genießen“, meint die resolute Bauersfrau. Sie hat keine Träume. Alles ist genau gut so, wie es ist. Und niemals könnte sie in der Stadt leben: „Ich kriege schon die Krise, wenn ich mal nach Meran fahren muss“. Wenn Urlaub, dann zum Bergwandern im Pustertal. Wer macht denn auch Ferien in der Ferne, wenn berühmte Filmemacher extra zu ihnen kommen?

Auf alten Schmugglerpfaden über’s Hochjoch

Auch am Innerkoflhof haben sie gedreht. Das hat das geordnete Leben vom Gamper Matthias ganz schön durcheinandergewirbelt. Das sich selten nach der Uhr, sondern nach Sonne und Sternen, nach dem Hunger seiner Tiere und und seinem stets gleichen Tagesablauf richtet. Das einzig größere Ereignis neben den Dreharbeiten war sein 80. Geburtstag, den er am 28. August 2017 gefeiert hat. Diesmal nicht „a bissl auswärts“, wie zu seinem 75. Geburtstag. Damit meinte der Hias den nahe gelegenen Finailhof, wo Bäuerin Erna traditionell einmal im Jahr für ihn und seine Geschwister kocht.
Immer nur auf diesem Hof hat er gearbeitet. Gleich nach dem Militär hat der Hiasl damit begonnen. „Der Hof ist mein Leben“, sagt er. Wie ein Einsiedler lebt der drahtige Junggeselle. Früher hat er mal Zimmer vermietet, aber das ist lange her. Dass er und sein Hof auffallend gut in Schuss sind, dazu braucht es keine Frau. Das schafft der mittlerweile 82-jährige noch ganz allein. Blitzsauber gefegt sind Stube und Stall. Akkurat aufgeschichtet liegen auch die Holzscheite unter dem alten Herd. Alle selber gehackt vom Baumbestand aus eigenem Lärchen- und Zirbenwald. Stolz zeigt er einen selbstgedrechselten Stuhl – ein kleines Kunstwerk!
„Es gab keine Auswahl für mich, deshalb bin ich ledig geblieben“, erklärt er. „Wählerisch war ich schon immer, schließlich ist es ja eine Entscheidung für’s Leben.“ Bereut hat er es nie, dass er unverheiratet blieb. Kochen hat er schon früh gelernt. Schließlich musste er 16 Jahre lang seine alte Mutter Hedwig auf dem Hof versorgen. Hier ist der Matthias Gamper als zweites von fünf Kindern geboren. Nach einem ungeschriebenen Gesetz werden die Höfe immer an den ältesten Sohn vererbt. Das war Matthias. Zur Volksschule ist er beim Marchegghof gegangen. Alle Klassen wurden dort in einem einzigen Raum unterrichtet.
Da er selber keine Kinder hat, ist die Nachfolge noch ungewiss. Die einzige Sorge, die ihn treibt, ist, sich verschulden zu müssen. Das hat er bislang immer zu verhindern gewusst. Zwar müsste vieles erneuert werden, aber das Einkommen ist spärlich. Nur leichte Reparaturen kann er noch selber ausführen. Früher hat er Kühe und Schafe gehalten, jetzt nur noch Mastrinder, die im Stall bleiben können und ein paar Hühner. Zu gefährlich ist es für das Vieh geworden, sagt er, seitdem es zum Weiden die Straße nach Kurzras überqueren muss.
Wie alt der Hof ist, weiß der Hiasl nicht zu sagen. Über 600 Jahre auf jeden Fall. Das einzige überlieferte Datum ist die Jahreszahl 1759, die als Inschrift über der Tür in der getäfelten Stube hängt. Alles so geordnet, alles so aufgeräumt. Alles so transparent. Und doch gibt es eine dunkle Seite im Leben des Matthias Gamper: den Schmuggel. Auf alten Schmugglerpfaden ist sein Onkel Josef damals übers Hochjoch gezogen, um Tabak und Saccharin aus Österreich zu holen und für kleinen Gewinn hier zu verkaufen. „Mein Onkel war ein ganz Schlauer“, sagt der Innerkofler nicht ohne Stolz. „Den Verfolgern ist er trotz der gefährlichen Gletscherspalten immer entkommen. Die konnten einfach nicht so gut Ski laufen.“
Im Winter 1950/51 war der Hof eingeschneit. Zum Glück hatte er vorgesorgt und sich für fünf bis sechs Wochen mit Vorräten eingedeckt. Salat und Kartoffeln baut er an, aber die kalte Strömung vom Hochjoch her lässt nicht viel gedeihen.
Genügsam ist der Hiasl ohnehin. Waschmaschine, Fernseher „nur für die Nachrichten“, Handy und Auto sind seine Zugeständnisse an die Neuzeit. Gern beschäftigt sich der Bergbauer mit Religion. Dazu hat er sogar einige Vorträge besucht. „Ich glaube an ein Weiterleben“, sagt er. Reisen interessieren ihn weniger. Beim Militär damals ist er ein bisschen herumgekommen, bei Geländeübungen in Verona, Innichen und Bozen. Das reicht. Nur sonntags nach dem Kirchgang in Unser Frau nimmt er sich eine Auszeit. Dann geht er ins Gasthaus und gönnt sich ein Bier. Einsamkeit, sagt er, kennt er nicht. Nur wenn es wochenlang anhaltend kalt ist, der Winter sieben Monate lang dauert, er ewig Schnee schaufeln muss und der Wind durch die Holzfugen pfeift, dann reißt es ihm in den Gliedern und schlägt ihm auf’s Gemüt. Obwohl er viel krank war in seinem Leben, ist er nie zum Arzt oder zum Zahnarzt gegangen. „Jetzt komme ich aber bald nicht mehr drum herum“, meint er. „Ich werde wohl bald mal eine Lesebrille brauchen“.

Verliert sie beim Kartenspiel, zahlt sie mit Eiern

Nur ein paar hundert Meter von den Koflhöfen entfernt liegt der Gerstgrashof. Und doch trennen die beiden Höfe Welten. An der Straße nach Kurzras erinnert der alte Stadel noch an seine ursprüngliche Bestimmung. Ansonsten genießen die Gäste des Hotel Gerstgras, das 1971 hier Einzug hielt, das besondere Flair aus Wellness und rustikalem Ambiente. Vieh besitzt die Familie Weithaler nicht mehr, Stall und Wiesen sind verpachtet. Wäre da nicht der riesige Gedächtnisspeicher der 80-jährigen Monika, prall gefüllt mit Erlebnissen und Emotionen aus einem anderen Leben, als sie noch Bäuerin war auf dem Hof. Als Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner Stall und Wiesen bevölkerten und Gerste und Hafer für die Pferde angebaut wurden. „Man verdient nichts mit Vieh“, sagten die Jungen. „Und wenn man stinkend aus dem Stall kommt, kann man nicht gleich wieder ins Hotel gehen“.
Gern wäre Monika wieder beim Vieh. Trotzdem, in der Erinnerung wird nicht alles schöner, zu stark spürt sie noch die kalten Winter in den Gliedern, zu unangenehm die kratzigen Wollstrümpfe und langen Unterhosen auf der Haut, zu weit war der tägliche Fußmarsch zur Schule in Vernagt. Wo jetzt der See ist, gab es eine weite Ebene, die man über einen Steilhang erreichte. Wunderbar, wenn man auf Skiern unterwegs war. Doch musste dieser Steilhang auch auf dem Rückweg bewältigt werden, mit den Brettern auf den Schultern. Bevor der Stausee zwischen 1956 und 1964 gebaut wurde, gab es hier überhaupt keinen Autoverkehr, berichtet die einstige Bäuerin.
Immerhin hat Monikas Vater, ein Lehrer, ihr 1942 ein kleines E-Werk gebaut für Licht und Bügeleisen. Telefon gab es erst ab den 70er-Jahren.
Kaum zu glauben, dass die schlanke Frau 13 Kinder bekommen hat, 12 Buben, darunter auch Zwillinge, und ein Mädel! Die meisten sind hier auf dem Hof zur Welt gekommen. Vor fünfzehn Jahren ist ihr Mann gestorben, doch schon 1990 hat ihr Sohn Johann, ein gelernter Koch, das Hotel übernommen. Sein Bruder Karl Josef arbeitet als Hausmeister. Auch Johanns Sohn Günther packt mit an. Manchmal erzählt sie den 27 Enkeln von früher, besonders an Weihnachten, wenn sich alle im romantischen Schnalstal versammeln.
Nein, romantisch war früher hier nur wenig. Das änderte sich, als 1975 die Gletscherbahn in Kurzras in Betrieb genommen wurde. Da nahm die Familie die ersten Sommerfrischler auf, die auch in den warmen Monaten gern Ski auf dem Schnalstaler Gletscher laufen wollten. Schon vorher hatte es geheißen: „Gehen wir zum Speckbauern“, weil hier ein guter Speck aufgeschnitten wurde. Heute kocht Johann für die Gäste traditionelle Gerichte wie Paterschlappen, Buchweizenspätzle und Scheiterhaufen. Und Mutter Monika genehmigt sich schon mal einen selbst angesetzten Himbeer- oder Enzianschnaps – als Magenmedizin, versteht sich. Beim Kartenspiel „Blindwatten“ gelten für sie ganz besondere Regeln: Verliert sie, bezahlt sie die Spielschulden mit Eiern von den Hühnern, die sie selbst noch hält. Schon mit der Großmutter hat er oft die ganze Nacht Karten gespielt, schmunzelt Johann.
Mag das Hotel auch viele Neuerungen mit sich gebracht haben, geblieben ist die Zirbenholzstube mit der Ofenbank, der alten Truhe, dem „Kastl“ und dem Herrgottswinkel. Manchmal spricht Monika mit Jesus: „So, jetzt schick uns bitte schönes Wetter, sonst stelle ich keine frischen Blumen ans Kruzifix!“ Bislang hat er sie noch immer erhört.

Jetzt geht er mit den Augen wandern

Als ob sich ein unsichtbares Netzwerk aus familiären Verknüpfungen über alle Höfe zieht, scheinen alle miteinander verwandt, verschwägert und die meisten auch verbrüdert. Für den Außenstehenden ist dieses Geflecht aus Namen und Abstammungen meist verwirrend und kaum nachvollziehbar. Viele Fäden führen auch zum Finailhof, einem der ältesten und schönsten Bergbauernhöfe Südtirols.
Von Bergziegen neugierig beäugt, wird eine kleine Herde Schafe vom mobilen Schafscherer kurz rasiert. Ohne Scheu sind die kleinen Wilden aus dem nahen Lärchenwald zur Solidaritätsbekundung gesprungen. Und mittendrin bewegt sich ganz selbstverständlich ein kleines Mädchen. Wenn sie malt, haben die Hühner weder vier Beine noch sind die Kühe lila wie auf den Bildern so mancher Stadtkinder. Ariane hat das Glück, auf dem Finailhof aufzuwachsen, dem höchsten Kornhof Europas auf 1.973 m. Ende der 60er-Jahre wurde auf Milchwirtschaft umgestellt. In keinem Verhältnis mehr stand die Getreidesteuer der EWG. Seit 2010 wird hier wieder Roggen gesät. 1416 soll Herzog Friedrich IV, bekannt als Friedl mit der leeren Tasche, sich auf der Flucht hier als Knecht verdingt haben. Auf dem Konzil von Konstanz hatte er auf’s falsche Pferd – Gegenpapst Johannes XXIII – gesetzt und war von Kaiser Sigismund von Luxemburg unter Reichsacht gestellt worden.
Vier Gebäude beherbergt das über 700 Jahre alte Anwesen. 550 Hektar gehören zum Hof, die Weideflächen ziehen sich bis hoch zu den Gletschern. Neben dem Haus und der Wirtschaft der Jungbauern Veronika und Manfred mit ihren vier Kindern steht das noch weitaus ältere Lärchenhaus von Serafin und Hanni Gurschler. Gemeinsam ist allen der ungebremste Blick weit hinunter ins Tal bis zum Stausee in Vernagt und bei guter Sicht bis hinauf zum Similaunferner. Blumen quellen von Fenstern und Balkonen und Wanderer genießen auf der Aussichtsterrasse den klassischen Lammbraten. An einem riesigen Herd rührt Arianes Oma in den Töpfen: „Bei uns ist alles bio“, sagt Erna Gurschler. Die überlieferten Rezepte hat sie von zuhause mitgebracht, einem Bauernhof im Wallfahrtsort Unser Frau. Mengenangaben? „Das machen wir hier nach Gefühl“, lacht sie wie in Loriots Sketch mit dem Frühstücksei. Liebevoll bemalte Türen mit Inschriften wie „Dem Unheil schieb den Riegel vor“ öffnen verschiedene Stuben. Geweihe schmücken das Jägerzimmer – Trophäen, erlegt von Gottfried Gurschler. Wie auf allen Berghöfen ist in der Wohnstube der Kachelofen wärmender Mittelpunkt im Haus. Und so mancher hält nach dem Mittagessen ein verdientes Nickerchen auf der Ofenbank.
Eine Materialseilbahn transportiert die leeren und vollen Milchkannen ins Tal und wieder zurück und wartet unten, bis auch die Post hineingelegt wird. Obwohl es hier oben neben Schweinen, freilaufenden Hühnern und Bergziegen auch einige Milchkühe gibt, haben die Bauern keine Zeit, die Milch selber zu verarbeiten. Zusätzlich zu den vielen Ausflüglern auf dem Jausenhof beherbergen sie als Sommerpensionsgäste zusätzlich zu eigenen Schafen auch mehrere Fremdschafe.
Seit ein paar Jahren gibt es nun auch eine Zufahrtsstraße zum Hof, von öffentlicher Hand finanziert, von EU-Fördergeldern bezuschusst. Das hat sie dem Tal viel näher gebracht, und wenn es schneit, zieht Erna – „zack, zack – einfach die Ketten auf“.
26 Jahre lang hat Erna Gurschler im Tourismusverein Schnalstal gearbeitet, bevor sie den Vollzeitjob als Bäuerin und Gastwirtin auf dem Finailhof antrat. Als „geschlossener Hof“ darf der Finailhof nur in der Familie bleiben. Und so zeichnet jetzt Sohn Manfred verantwortlich. Sehnsucht nach ein bisschen Abwechslung? „Nein“, sagt die Bäuerin, und es klingt fast ein wenig verwundert. „Die Zeit im Garten ist für mich die reinste Erholung“, fährt sie fort und zeigt mir den schräg abfallenden Garten voller Gemüse, Beeren und Kräuter. „Weil hier mindestens acht Stunden lang die Sonne scheint, gedeiht alles besonders gut.“ Solarplatten speichern die Sonnenenergie zur Warmwasserbereitung. Und dann der einmalige Blick von hier oben: „Je nach Jahreszeit wechselt der See die Farbe. Von türkis im Sommer bis stahlblau im Spätherbst.“
Das kann Schwiegervater Serafin nur bestätigen, der mit seiner Hanni gleich nebenan im Stelzenhaus lebt, das noch viel älter ist als das Haupthaus. Im 12. oder 13. Jahrhundert wurde es ganz aus Lärche gebaut. Hier ist er mit seinen sieben Geschwistern aufgewachsen, betreut von der Tante, nachdem die Mutter schon in jungen Jahren starb. Das Gelände unter dem Hof hat er mal selber planiert, tausend Meter Wasserleitung gelegt, 46 Hydranten aufgestellt, das Dach gedeckt. Bis in die 70er-Jahre hat er Korn, Gerste und Hafer angebaut und zweimal im Jahr im eigenen Backofen Brot gebacken. Nichts als Arbeit haben Hanni und er gekannt. Wie gern würde er über die Almen wandern, doch „früher hatte ich dazu keine Zeit, und nun geht’s nimmer“, klagt der 86-jährige. „Die Hüfte, das Kreuz…“ Ein Fernglas steht auf der Brüstung der Holzveranda. Jetzt geht der Serafin halt mit den Augen wandern.

Dagmar Gehm

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