„Naturschätze zu schätzen wissen“

„Naturschätze zu schätzen wissen“

Mit Wanderführerin Johanna auf Motivjagd im Pfossental

Ein ganz wundervoller Ort, um sich zu sammeln, im zweifachen Sinne. Bei der Jausenstation „Vorderkaser“ kommt alles zusammen, was Bergschuh‘ und Rucksack hat, hier ist Treff- und Ausgangspunkt. Mit dem Zufallen der Autotüren fällt auch der Alltag ins Schloss, so macht es den Anschein, wenn man Menschen nach der kurvenreichen Fahrt sich recken und strecken sieht. Wie sie da diese würzige Luft in die Lungen ziehen, mit erwartungsvollem Blick Richtung Berg! Einer bestellt noch einen Cappuccino. Ein paar Süßspeisen wandern über die Theke zu den Tischen, herzrot leuchtet der selbst gemachte Johannisbeersaft.

Johannas Gesicht ist sonnengebräunt, ihre Hände auch. Sie sieht auf keinen Fall aus wie 58 - das machen die Augen, nein, ihr Blick, den nur Leute haben, die viel in wilder Natur unterwegs sind. Eine Art zu schauen, irgendwie keck und doch weise, abenteuerlustig und erfahren. Sie schaut in den leicht bewölkten Himmel hinauf, bevor sie sich zu uns setzt. „Es wird auf jeden Fall regnen heute“, meint sie, und dann: „Fein! Dann sind nur wenige Leute unterwegs, im Pfossental, und die Stimmung nach einem Regenschauer ist einfach magisch.“ Mein Begleiter ist mit seiner Kamera und mehreren Objektiven gut ausgerüstet für seine Bilder-Jagd. Wir suchen heute nach besonderen Stimmungen, Perspektiven und Motiven.


Der Heimatweg

Die Ausbildung zur Wanderführerin hat Johanna 2005 gemacht. Sie wünschte sich eine Arbeit in freier Natur. Das rühre von der Kindheit her, sagt sie, sie sei eben draußen aufgewachsen und könne sich nicht vorstellen drinnen zu arbeiten, in einem Büro oder dergleichen. Heute begleitet sie Menschen, Familien, Gruppen durch die Natur des Schnalstals, häufig und gerne durch das Pfossental.

„Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Weg gegangen bin“, sagt sie, während unsere Wanderschuhe sich den ersten kleinen Aufstieg des Weges hinauf knirschen. Johanna war als Kind jedes Jahr von April bis November auf der Mitterkaser-Alm im Pfossental zuhause, bis sie 25 Jahre alt war. Die Alm gehörte damals fünf Bauern aus Unser Frau. Johannas Familie kümmerte sich jedes Jahr ums Vieh und bewirtschaftete die Wanderer.
„Heute lässt es sich hier sogar mit dem Kinderwagen wandern! Der Weg war vor 50 Jahren zwar auch schon recht gut gewartet und genauso breit wie heute, er war aber vor allem in den kalten Monaten recht gefährlich, wegen der vielen Lawinenabgänge. „Immer gut hinhören“ - das hat man uns als Kinder beigebracht. Wenn etwas grollt, sofort nach oben schauen und dann blitzschnell loslaufen, so weit laufen, wie man Puste hat.“ Sie habe häufig einen Schutzengel gehabt, erzählt sie. „Das war immerhin ein einstündiger Fußmarsch, bis zur Schule, draußen am Gasthof Jägerrast bei der Vorderkaser-Alm. Aber da lernt man das Gehen. In einer halben Stunde habe ich den Weg meist zurückgelegt. Aber mein Bruder, der hatte es noch viel weiter. Der musste noch bis nach Nassereid zu Fuß gehen, zur Schule, das war ein zweistündiger Marsch. Und dann fuhr er mit dem Bus bis Naturns und nach Schulschluss musste er die ganze Strecke wieder zurück. Es war nicht immer einfach, aber wir waren trotzdem gerne hier. Das Pfossental war unsere Heimat.“ Und nach einer kurzen Pause, in der sie ihren Blick über die Hänge schweifen lässt, fügt sie hinzu: „Das ist es noch immer.“

Das Pfossental, das größte Seitental des Schnalstals, sei heute nicht viel anders als damals, einfach nur als Ausflugs- und Wanderziel bekannter und deswegen besser besucht, erzählt Johanna. „Die Menschen sehnen sich nach dem Urtümlichen, immer mehr. Und wer Ursprünglichkeit sucht, ist hier, inmitten des Naturparks Texelgruppe, ganz richtig. Der Pfossentaler Bach zum Beispiel ist vollkommen unverbaut.“ Sie zeigt auf den Bach, dem Abertausende von Steinen aller Größen und Formen das Bett bereiten. „Und – das Pfossental gilt als das wildreichste Tal Südtirols.“ Man bekomme hier bei fast jeder Wanderung Gämsen, Steinböcke, Rehe oder Adler zu Gesicht. Die Kamera unseres Fotografen-Begleiters macht bei solchen Aussagen regelrechte Freudensprünge.


Wilder als man denkt

Erste dicke Tropfen verdampfen in der Frühlingswärme auf den Kieselsteinen. Noch bevor ich warnen kann, bricht ein Schauer über uns herein und wir flüchten in die nur zwei Wegkurven entfernte Mitterkaser Alm – und direkt in die Kindheitserinnerungen von Johanna. „Es hat sich auch hier nicht viel verändert.“ Hinter den rotweiß karierten Vorhängen sitzend betrachten wir den Vorhang aus Regen.

„Bei einem richtigen Sommergewitter schwillt der Bach schon mal auf das Dreifache seiner Größe an und schwemmt ganze Baumstämme mit. Die Naturgewalt dieses Tals zeigt sich dann in vollem Ausmaß. Mit Muren-Abgängen ist hier nicht zu spaßen.“ Unglücke hat es hier immer wieder mal gegeben. Früher natürlich weitaus mehr als heute. Im Winter 1877 kam hier ein Bub beim Kühehüten ums Leben. Er geriet unter eine „Lahn“, eine Lawine, erzählt sie. „Man hat ihn erst sieben Wochen später gefunden, so weit hat ihn das Schneebrett mitgerissen.“ – sie zeigt auf eine noch gut erkennbare Schneise am Wiesenhang. Auch bei den Eishöfen sei im selben Jahr ein Unglück passiert, bei dem einer ums Leben kam. „Ein besonders harter Winter musste das gewesen sein.“


Wo Mutter Erde ihr Bestes gibt

Als wir uns weiter wagen, begleiten uns zwei Steinadler hoch am Himmel kreisend ein Stück unseres Weges. „Steinböcke!“ Johanna zieht mich am Ärmel und deutet in eine Felswand. Ich muss meine Augen zusammenkneifen und mich recht konzentrieren, so gut getarnt sind die Tiere in den Wänden. „Ja, das geht nur mit geschultem Auge. Und das ist gut so. Immer wieder mal, vor allem im Winter, klettern Foto-Jäger den Böcken hinterher. Das ist für Mensch und Tier gleichermaßen gefährlich - da können Muttertiere von ihren Jungen getrennt werden. Und im Winter ist das Davonhuschen für die Tiere ein enormer Energieaufwand, das ist oft tödlich für sie.“

Wir kommen immer wieder an großen Schautafeln vorbei. „Der Alm-Erlebnisweg Pfossental wurde 2004 ins Leben gerufen.“ 18 Schwerpunkte, von der Geschichte des Tals bis zur Käseherstellung, werden in Bildern und Beschreibungen dem Wanderer näher gebracht. Der Erlebnisweg endet bei den Eishöfen. Weiter bis zur Stettiner Hütte, die auf 2.895 Metern Höhe liegt, gehe sie heute nur noch sehr selten. Ihre Führungen enden fast immer am Hochplateau nach den Eishöfen, „die Gruabn“ genannt. Von dort aus betrüge die Gehzeit bis zur Stettiner Hütte zwar nur noch eine Stunde, aber der Aufstieg sei recht steil.

Die Spitze der Hohen Wilden leuchtet im Talschluss. „Die gibt heute ihr Bestes.“ Doch auch die Flora zeigt sich im über Jahrtausende von Eis und Wasser ausgegrabenen Tal, an den steilen Flanken von ihrer besten Seite. Lichte Lärchenwälder versuchen an den Hängen zu bestehen, weiter oben wuchern die Alpenrosen, jetzt im Mai noch nicht in Blüte. Auf den Wiesen versuchen Arnika, Schafgarbe und Augentrost sich im farbigen Leuchten zu überbieten. Johanna tippt die Kräuter eins nach dem anderen mit dem Finger an, nennt sie beim Namen. Weiter oben magerer Rasen, dann Fels, Eis, Reste vom Schnee. Während mein Begleiter Nebelschwaden mit der Kamera einfängt, versuche ich es mit ein paar Ziegen, die genüsslich regennasse Grashalme aus dem Boden ziehen.

Der größte Schatz

Der Weg wird zieht sich nun, nach einem kurzen Anstieg, gemächlich dahin. Plötzlich, ein kleines Lärchenwäldchen durchschritten, tut sich eine Ebene auf, eine weite Almfläche breitet sich vor uns aus. Die Eishöfe!

Die dicken Wolken malen ein Mosaik aus Licht und Schatten auf das Weiß der Berge im Talschluss. „Eine weitere Einkehr vor der Rückkehr“, zwinkert Johanna. Den letzten Teil des Weges heben wir uns bis zum nächsten Mal auf, wetterbedingt. Aber der Fotografen-Begleiter sieht sichtlich erleichtert aus, dass wir nicht aufs Ganze gehen, wir sind doch immerhin schon zwei Stunden unterwegs, die Fotografenausrüstung immer auf seinem Rücken.

Johanna legt uns den Aufstieg aber nahe. „Wenn du da auf dem Eisjöchl stehst, auf 2.887 Metern Höhe und die Hohe Wilde dir ganz nahe ist, dann siehst du das ganze Pfossental und in östlicher Richtung bis zur Stettiner Hütte und dem kleinen Bergsee. Steinreich fühlt man sich da – einmal, weil es da so viele Gesteinsarten gibt, Kalkgestein, Gneis & Glimmerschiefer, aber auch, weil man jedes Mal aufs Neue erfährt, dass die Natur unser größter Schatz ist und man sich inmitten einer so eindrucksvollen Landschaft einfach rundum glücklich schätzen muss.“
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