„Holz – mein ganzer Stolz“ „Holz – mein ganzer Stolz“ „Holz – mein ganzer Stolz“

„Holz – mein ganzer Stolz“

Aus dem Alltag eines Tischlermeisters … und nicht ganz alltäglichen Lieblingsstücken

Zwischen den Häusern von Unser Frau riecht es nach Holz und nach nasser Erde. Der Blütenstaub - oder ist es Holzstaub? - tanzt in den Sonnenstrahlen und kitzelt in der Nase, das Schmelzwasser gurgelt in der Erde. Hinter den Glastüren der Werkstatt wird gewerkelt, aber plötzlich ist es mucksmäuschenstill ringsum, kein Maschinenlärm, keine Kreissäge, keine aufjaulenden Fräsen mehr. Dafür kommt ein junger Mann auf mich zu. Es ist Tobias Oberhofer, dreiundzwanzig Jahre alt und bereits Juniorchef der Tischlerei Oberhofer.

Vor der Werkstatt steht ein Stuhl aus Urgroßvaters Zeiten – Design von vor über 150 Jahren - und daneben haargenau derselbe Stuhl: unverkennbar nagelneu, aus hellem Holz. Rechts daneben ist eine Kartonbox platziert und darin, wie in einer Schatulle, zwei Handtaschen und zwei Handyhüllen. Erst auf den zweiten Blick wird klar: die beiden fragil anmutenden Accessoires sind ebenso ganz aus Holz!



Holz – herzlich gern

„Ja, Ideen haben wir viele,“ lacht Tobias, „und Holz ist ein unglaublich wandelbarer Rohstoff.“ In ruhigem Ton erzählt er, warum er sich kein anderes Material in seinen Händen vorstellen kann. „Holz ist lebendig, es atmet und verändert sich mit der Zeit“, meint Tobias, „es vermittelt Ruhe, gibt Halt und wärmt.“ Besonders gern möge er Lärchenholz, sagt Tobias und wenn man sich vor der Werkstatt so umschaut, dann weiß man augenblicklich warum: Lärchenwälder ziehen sich über die steil aufsteigenden Hänge ringsum. Noch sind sie winterkarg und hoch, die Tausenden von Lärchen, doch sehr bald werden sie in einem sanften hellen Grün aufglimmen. „Das Lärchenholz ist sehr witterungsbeständig und harzhaltig, das heißt, es riecht nach Wald und bringt Naturduft in die Lebensräume der Menschen“, so Tobias. Außerdem habe es den besonderen Rot-Ton, den man im Schnalstal unzählige Male zu sehen kriegt, denn die meisten Höfe sind darin gekleidet. Sonne, Wind und die Schnalstaler Witterungen trügen an den Außentäfelungen das Ihre dazu bei und gerben die rötlichen Holzverkleidungen fast bis ins Schwarz.

Rings um die Werkstatt liegen Holzbretter in Schichten aufgestapelt, zwischen dem jungen Gras und entlang der Werkstattwand. Sorgsam abgedeckt werden hier die verschiedensten Holzarten gelagert, welche der Juniorchef zum Teil von der ortsnahen Säge bezieht. Ja, hier warten heimische Lärchen, Zirben, Fichten, europäische Eichen, Kirsch-, Nuss- und Buchenhölzer darauf, ihrer Form und Bestimmung näher gebracht zu werden. Sie sind unbearbeitet, leicht abgewittert und grau, da sie im Freien gelagert werden. Doch wenn sie dann unter die Hobel kommen, zeigen sich oft erst ihre wunderbare Leuchtkraft und manche verspielt-schöne Maserung. Innewohnende Holzqualitäten, die dann in Stiegen, Möbel, Theken, Stühle oder eben Accessoires einfließen und sie zu Einzelstücken machen. Manchmal werden auch Althölzer, zum Beispiel dicke Tragebalken aus abgerissenen Heuschobern erneut verarbeitet. Denn bei Oberhofers wird Altes mit Neuem verbunden, dafür sprechen auch die zwei Zwillingsstühle am Eingangsbereich. Das gute Ursprungsstück wurde jahrzehntelang als „Stuhl für Alles“ gebraucht, davon zeugen die unzähligen Kerben, Leim- und Farbspritzer. „Wir haben sein Design übernommen und es als Teil eines Stuhlensembles auf einer Almhütte verwendet“, so Tobias.


Die Kräfte der Natur nutzen und ihnen trotzen - ein Familienbetrieb mit Charakter

Über der Werkstatt wohnen sie, die Oberhofers, und genau so stellt man sich einen Familienbetrieb von Tischlern mit Leib und Seele auch vor. Juniorchef Tobias führt den Betrieb bereits in der sechsten Generation, doch die Liebe zum Holz hat ihm sein Vater weitergegeben, und so muss der Funke in der Familie Oberhofer wohl von Generation zu Generation übergesprungen sein, seit Johann Oberhofer, der Ur-Tischler der Familie, 1827 sein Unternehmen gegründet hat. Doch keine Lebens- und Unternehmensgeschichte ohne Stolpersteine. Die Natur selbst ist hier die größte Rohstoffspenderin, doch manchmal wird sie auch zur größten Bedrohung. Mehr als einmal gingen die Lawinen bis zur Werkstatt hinab, erzählt Tobias. Einmal war sogar der gesamte Werkstattraum voller Schnee. Was sie dann gemacht hätten? „Den Schnee rausgeräumt und weitergemacht.“ Man merkt einen gewissen Stolz, wenn er von der Oberhofer'schen Widerstandskraft spricht.


Vom innovativen Geschenk zum Accessoire mit Profil

Alles begann mit einem ganz besonderen Weihnachtsgeschenk von Tobias an seine Schwester. Die allererste Handtasche aus Holzfurnier. Der Prototyp sozusagen, die erste Tasche ihrer Art. Da es im Hause Oberhofer zwei Schwestern gibt, Anna und Petra, musste auch flugs eine zweite Tasche her, und so begann ein Entwicklungsprozess, an dem die Schwestern von Anfang an als Mitgestalterinnen beteiligt waren. Ich darf mir eine der kostbaren Handtaschen auch gleich umhängen und es erstaunt nicht nur , dass dieses holzige Accessoire federleicht ist, sondern – und hier packt einen die schiere Entzückung – sich an meinen Oberkörper schmiegt, als wäre sie eigens für mich gemacht. Ja, meint Tobias, das ist kein Zufall. Auch an der ergonomischen Form wurde so lange getüftelt, bis sie sich perfekt und sanft gerundet unter jeden Arm hängen lässt.

Alles an dieser Tasche lässt darauf schließen, dass Holz auch sehr weich sein kann. Vollholzfurniere, also millimeterdünne Holzplättchen werden in vier Schichten verleimt und in eigens entwickelten Formpressen ausgehärtet. Stolz holt Tobias die Pressformen hervor. Hier sind viele Stunden an feinster Schleif- und Modellierarbeit hineingeflossen, das sieht man auf den ersten Blick.

Die Seitenteile der Handtaschen sind aus passgenau geschnittenem Massivholz, Holzfarbton und Maserungen variieren natürlich und genau das macht diese Handtaschen so einzigartig. Um die Einzelanfertigungen zu veredeln, werden sie durch Loden- oder Filzeinlagen ergänzt und auch in diesen Details können nochmal ganz besondere Farb- und Materialakzente gesetzt werden. „Hier arbeiten wir mit einer Schneiderin aus dem Dorf zusammen“, meint Tobias, „die Kundin kann ihre Handtasche in jedem Detail mitgestalten.“

Ähnlich verhält es sich mit den Handyhüllen und Geldbörsen. In der CNC-Fräse werden sie passgenau ausgeschnitten, denn hier erledigt die computergesteuerte Fräse mit filigranen Bohrköpfen die Feinarbeit. Gravuren, Logos, Widmungen werden so in die edlen Smartphone-Schutzhüllen und Portemonnaies eingearbeitet.

Besonders bei den Handtaschen habe er ursprünglich noch eigene Sondereditionsnummern beigefügt, doch irgendwann nach der Hundertsten habe er das aufgegeben, grinst Tobias verschmitzt. Verkauft werden sie allerdings nur in ausgewählten Geschäften und hinbringen tut er sie selbst. Das gehört dazu, zum Gesamtqualitätspaket.


Dieser Werkstatt liegt ein Zauber inne

Wir gehen noch eine kleine Runde durch das gesamte Werkstattgebäude. Im Untergeschoss sind die Furniere gelagert. Meterweise hauchdünne Holzplättchen für große Möbelanfertigungen und natürlich für die handgefertigten Accessoires. Im Hauptraum der Werkstatt, genau da, wo in den 1980ern im Winter alles voller Schnee war, ist der Boden in massiven Brettern gehalten. Man sieht ihnen die Kerben der Zeit an, die sich – im wahrsten Sinne - eingemeißelt haben, und fast fühle ich mich wie in einem Zauberkabinett aus Holz. Kleine Holzhände liegen auf den Arbeitsplatten, Prototypen einer Museumsarchitektur, ein hölzernes Wildschwein hängt an der Wand, verschnörkelte Holzschablonen zu traditionellen Sessellehnen hin und hin. Aus dem hinteren Schrank holt Tobias ein Set mit alten – sehr alten Holzbearbeitungsgeräten. Schnitzwerkzeug mit fein gedrechselten Griffen, das wohl einem seiner Tischler-Ahnen gehört haben muss.
Bevor wir uns verabschieden, noch eine letzte Frage an Herrn Oberhofer Junior: „Wofür stehst du mit deiner Arbeit und deinen Kreationen?“ Tobias Oberhofer antwortet ohne Zögern und mit funkelnden Augen: „Für Achtsamkeit, Genauigkeit und für Einzigartigkeit.“ Ich glaube ihm aufs Wort.
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