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Die Renaissance der Tracht

Traditionelle Trachten sind kein alter Zopf mehr, sondern liegen derzeit hoch im Kurs. Doch was ist eine echte Tracht? Wie ist sie entstanden? Welche Bedeutung hat sie und wie wird sie angefertigt? Zu Besuch bei einem Trachtennähkurs.

Verschiedene Trachten liegen gefällig drapiert vor mir auf dem Tisch. Jede einzelne von ihnen besteht aus mindestens fünf Einzelteilen, jedes Teil ist das Ergebnis sorgfältigster Handarbeit: Mieder (Oberteil), Rock, Schurz, Bluse, und Flor, ein dunkles Seidentüchlein. Daneben liegen Stoffe, die darauf warten, irgendwann auch einmal Teil einer traditionellen Südtiroler Tracht zu werden. Eine der Frauen, Martina Walzl, näht gerade ein Bäurisches, eine typische Tracht aus dem Meraner Land. Begonnen hat Martina mit dem Tschoap, dem langärmligen Mieder aus schwarzem Wollstoff für den Winter. An die beiden Vorderteile näht sie kleine Hafteln (aus einem Haken und einer Öse bestehender Verschluss, Anm. d. Red.) exakt in denselben Abständen, sie müssen nachher genau zusammenpassen. Wie das Nähen des Oberteils erfordert auch der Rest der Tracht Präzisionsarbeit. Es braucht viel Geduld. „Das meiste ist Handarbeit. Für jedes Detail braucht es einen eigenen Arbeitsvorgang“, erklärt mir Gisela Gruber aus St. Pankraz im Ultental. Die selbständige Schneiderin hat sich auf Trachten spezialisiert. 1999 machte sie in Salzburg eine Ausbildung zur Trachtennäherin, heute näht sie regelmäßig Trachten für Privatleute und Vereine aus ganz Südtirol. Ihr Wissen gibt sie an einer lokalen Berufsschule weiter und jeden Winter hält sie Trachtennähkurse wie hier in Tisens oberhalb von Lana.

Alltags- und Festtagsgewand

Entstanden ist die Tracht im 18. Jahrhundert als typisches Alltags- und Festtagsgewand der bäuerlichen Bevölkerung. Im Winter, wenn die bäuerliche Arbeit im Freien ruhte, stickten, strickten oder nähten die Bäuerinnen in ihrer Stube am warmen Stubenofen. So entstanden regelrechte Kunstwerke.

Die Tracht ist heute nach wie vor ein wichtiger Ausdruck der Südtiroler Kultur. Vor allem Vereine wie Musikkapellen oder Schützen tragen sie bei öffentlichen Auftritten. Die Tracht wird zu feierlichen Anlässen wie zur Messe am Sonntag, zur Firmung, Erstkommunion oder bei Hochzeiten getragen. Und seit die Mode Lederhosen und Dirndln wiederentdeckt hat, ist die Tracht auch bei jungen Menschen begehrt, die nicht notwendigerweise einen bäuerlichen Hintergrund haben. „Einmal nahm sogar ein Mann am Nähkurs teil“, erinnert sich Gruber schmunzelnd. „Er konnte vorher noch nicht einmal nähen.“ Dennoch schaffte er es, Hemd, Weste und Hose für seine Tracht zu nähen.

Je nach Gebiet unterscheiden sich die Trachten in den Farben, Macharten und in der Anzahl der Stickereien. „Bei den Miedertrachten sagt die Bandführung des Schnürmieders aus, woher die Tracht stammt“, sagt Gruber. Maria Robatscher macht heute schon ihren sechsten Trachtennähkurs mit und hat schon einige Trachten genäht. „Man lernt jedes Mal etwas Neues dazu“, lächelt sie. Dann zeigt sie stolz ihr Meraner Dirndl. So wird die Burggräfler Miedertracht genannt. Von der Bluse bis zum Schurz hat sie alles in Handarbeit genäht. Das Schnürmieder dieser Miedertracht aus Woll- oder Seidenbrokat ist weit ausgeschnitten, es hat floreale oder mehrfarbige Muster und ist mit roten Seidenbändern eingefasst. Vorne und hinten laufen zwei leicht geschwungene Hohlfalten. Die Bluse ist am Hals und an den Ärmeln mit feiner Spitze besetzt. „Auch diese wird selbst gehäkelt“, sagt Gruber. Traditionell gehört ein knapp zwei Meter langer bräunlich bis schwarzer seidener Flor dazu. Er wird lose um den Hals gelegt oder gekreuzt in das Mieder gesteckt. Robatscher zeigt stolz die blaue Schürze, die sie von Hand eingereiht hat.

Beim Nähen müssen sich die Frauen an ganz bestimmte Vorgaben halten. Die Stoffe dürfen nur aus Naturfasern wie Wolle, Leinen, Baumwolle oder Seide sein. Alle Stiche sind vorgegeben, kreative Freiheiten sind nur bedingt erlaubt. „Man kann bei einer Tracht mit rotem Mieder zwar verschiedene Rottöne variieren, man kann aber nicht einfach ein Grün nehmen“, sagt Gruber und lacht. Damit Frau sich doch ein wenig austoben kann, ist beim Innenfutter alles erlaubt: kariert, eine knallige Farbe oder wie bei der Tracht, die Gisela zeigt, mit kleinen roten Blümchen.

Lebendige Tracht

Weiterführende Informationen zum Thema Tracht finden Interessierte auf der Website des Heimatpflegeverbands Südtirol (Arbeitsgemeinschaft Lebendige Tracht): www.hpv.bz.it

Wer sich dagegen eine Tracht für einen besonderen Anlass ausleihen will, ist bei der Trachtenkammer Schenna an der richtigen Adresse, die von der Schneidermeisterin Magdalena Klotzner betreut wird: 
Trachtenkammer Schenna
Schlossweg 12
39017 Schenna
Tel.: +39 0473 945 990

Über 60 Arbeitsstunden

Neben dem Meraner Dirndl gibt es im Meraner Land noch eine weitere Tracht: das Bäurische. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ersetzten Frauen der Gegend das alte Schnürmieder durch ein Mieder, das mit Hafteln verschließbar ist. Dazu trägt Frau ein Tiachl, ein Seidentuch mit Fransen. Drei bis fünf Mal gefaltet, leicht gekreuzt und schmal über die Schultern gelegt, wird es mit einer Stecknadel am Tschoap befestigt. „Und im Winter kann es statt der Fransen auch mal ein Waudl sein“, sagt Annelies Gassebner aus Tisens. Sie hat sich im Kurs ein Winterbäurisches genäht. Der Schurz wird meist in passendem Ton zum Tiachl genäht.

Zu jeder Tracht gehört für Männer ein Hut und für Frauen die passende Frisur, meist geflochten und hochgesteckt. „Damit Frauen auch im Alter noch die Zopffrisuren tragen können, sollen sich alle jungen Mädchen die Haare wachsen lassen und dann einen Zopf abschneiden“, lacht Gruber. „Zumindest erzählt man sich das.“ Mindestens 60 Arbeitsstunden stecken in jeder Tracht und macht jedes Stück wertvoll, mit mindestens 1.800 Euro muss man rechnen. . Die Teilnehmerinnen an dem Kurs haben noch einige Stunden vor sich. Jede Tracht ist den Aufwand wert – darin sind sich alle, die gerade mit Nadel und Faden hantieren, einig, denn „Eine Tracht muss auf den Körper geschneidert werden“, so Gruber.

Text: Petra Schwienbacher