Schutz der Apfelbäume
Wie die Apfelblüten die kalten Frostnächte überleben
Schutz der Apfelbäume

Schutz der Apfelbäume: Feuer & Wasser

Wie die Apfelbüten die kalten Frostnächste überleben

Mit Feuer und Wasser wehren sich die Naturnser Bauern gegen die Frostnächte. Ein kleiner Einblick, was unsere Landwirte da nachts treiben und was ein betrunkener Bauer damit zu tun hat.

Anfang April, 06.30 Uhr.

Ich trete mit dem Hund zum Morgenspaziergang vor die Tür und verschlucke mich an der Kälte. In der Wiese kriecht der Reif am Gras hoch.
Die Frostnächte im Frühling sind berühmt-berüchtigt, fallen die Temperaturen nachts teilweise doch noch weit unter die 0°C-Grenze. Im Tal drehen sich, soweit das Auge reicht, die Frostberegnungsanlagen – eine Methode, mit der die Bauern die Obstbäume und Blüten vor der klirrenden Kälte zu schützen versuchen.
Würde man die sensiblen Blüten der Kälte überlassen, würden sie „verbrennen“, d.h. absterben, was wiederum zu massiven Schäden und Ernteausfällen führen würde.

„Ohne Frostberegnung wäre der Apfelanbau, so wie wir ihn jetzt kennen, bei uns kaum mehr vorstellbar. Zu groß wäre das Risiko der Frostschäden“, erklärt Landwirt Josef Götsch. Und tatsächlich: von 9.000 Hektar Apfelanbaufläche im Vinschgau und im Meraner Land sind mittlerweile 5.400 Hektar mit einer Frostberegnung ausgestattet. Vielen Bauern steckt noch heute der  21. April 2017 in den Knochen: Drei Nächte lang ging der Frost mit schwerem Schritt durch das Land, den Höhepunkt erreichte die Eiseskälte am 21. April. In Zonen, wo keine Frostberegnung möglich war, kam es zu Ernteausfällen von bis zu 100%.

Mit „Kerzen“ versuchen sich Bauern durch die Frostnacht zu retten
Wenn sich wieder eine Frostphase abzeichnet, studieren die Bauern bereits am Vorabend Wetterberichte und die Temperaturvorhersagen und können dadurch schon abschätzen, ob eine Frostnacht bevorsteht oder nicht.
Dabei sind Obstwiesen in den tiefen Lagen wie z.B. entlang der Etsch anfälliger für den Frost als Anlagen am Hang, da bereits wenige Höhenmeter den entscheidenden Temperaturunterschied zwischen Frost und Nicht-Frost ausmachen können.

Ein engmaschiges Netz von 119 Wetterstationen liefert den Bauern ständig aktuelle Zahlen und Messdaten zu lokaler Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windrichtung. Nähern sich die Temperaturen den gefährlichen Grenzwerten (z.B. -5°C während der ersten Vegetationsstufe und 0°C während der Blüte), wird Frostalarm geschlagen – manchmal um Mitternacht, manchmal um 04.00 Uhr morgens.
Früher hasteten sogenannte Frostwächter von Thermometer zu Thermometer und warnten die Bauern mit einem langen Sirenenton. Noch heute alarmieren sich Obstbauer gegenseitig telefonisch, man kann sich aber auch automatisierte Alarmmeldungen auf sein Handy schicken lassen, mittlerweile auch über verschiedene App-Anbieter.

Sobald der Alarm geschlagen wurde, eilen die Bauern aus dem Bett hinaus auf ihre Wiesen, um die Frostberegnung zu aktivieren. Dabei werden über Traktoren oder Motoren die einzelnen Pumpanlagen in Betrieb gesetzt, die Grundwasser in die Höhe pumpen, das über die Kreisberegnung gleichmäßig über die Bäume und Blüten verteilt wird und die dann von einer dünnen Eisschicht eingeschlossen werden.
Während das Wasser gefriert, bildet sich durch physikalische Vorgänge Wärme (die sogenannte Kristallationswärme), die die Blüten paradoxerweise vor den tiefen Temperaturen schützt. Die Frostberegnung wird, sobald sich die Temperaturen am Morgen wieder konstant einige Grad über 0°C bewegen, abgeschaltet und das Wasser versickert wieder ins Grundwasser.

Ein schöner Nebeneffekt der Frostberegnung: Wenn am morgen die Sonnenstrahlen auf die Eispanzer treffen, glitzert und glänzt das ganze Tal und schaut aus wie aus einem Märchen entliehen.

Blüten nach einer Frostnacht
Wo keine Frostberegnung möglich ist, weil das Wasser nicht gepumpt werden kann (z.B. in bereits leichten Hanglagen), versuchen sich Bauern mit „Kerzen“ durch die Frostnacht zu retten. Schon im antiken Rom war diese Methode bekannt und setzte sich in Südtirol zuerst vor allem in den Weinbaugebieten durch. Heute hat sie sich auch im Obstbau bewährt. Durch die kleinen Feuer, die in regelmäßigen Abständen zwischen den Baumreihen entzündet werden, wird die Luft kleinräumig um die meist wichtigen 2°C bis 3°C erwärmt, der Rauch sorgt zusätzlich für Luftverwirbelungen. 
Die Apfelwiesen am frühen Morgen
Beim Thema Frostberegnung leistete Südtirol übrigens Pionierarbeit: 1949 baute ein Terlaner Bauer aus alten Rohren und Kriegsmaterial eine erste Frostberegnungsanlage, die 1950 in Betrieb genommen wurde und danach als Vorbild diente.

Aber wir wären nicht in Südtirol, gäbe es nicht auch eine Legende, wie sich das mit der Erfindung der Frostberegnung wirklich zugetragen hat: Ein Bauer machte sich abends auf den Weg, um in seiner Wiese die laufende Beregnung auszuschalten, traf unterwegs aber einige Freunde und ließ sich zu einem Glas Wein überreden. Dabei blieb es natürlich nicht, die ganze Nacht wurde im Gasthaus gefeiert und gezecht. In der Zwischenzeit wurde es frostig kalt und auf dem Weg nachhause bemerkte der Bauer erschrocken, dass von seinen Apfelbäumen die Eiszapfen hingen. Erst bei der Ernte fiel ihm auf, dass seine Bäume normal Äpfel trugen, während die der anderen fast leer waren. Da fiel ihm ein, dass wohl diese verhängnisvolle Frostnacht den Unterschied machte und so war die Frostberegnung geboren.

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