Der Wächter
Der Wächter
Der Wächter
„Alle Erneuerer alter Burgen sind irre“, schrieb einst der Philosoph Karl Julius Weber. Franz Gurschler erwartet uns bereits lächelnd vor dem Eingang der Burg und wirkt vielmehr kultiviert und zugewandt und eigentlich so gar nicht irre. Zur Sicherheit frage ich noch einmal nach – muss man verrückt sein, um im Jahre 2019 in einem Schloss zu wohnen? „Ein bisschen vielleicht“, lacht er und der Schalk blitzt ihm aus den Augen. „Die Wege im Schloss sind weit, die Winter kalt, Feuchtigkeit sickert ein, jeder noch so kleine Eingriff in die Bausubstanz muss genehmigt werden und die Erhaltung ist kostspielig. Ein Schloss ist eine Lebensaufgabe. Aber eine schöne.“ Und schon treten wir durch eine unauffällige Tür ein in eine andere Welt. Die „steinerne Faust des Vinschgaus“, wie Hochnaturns genannt wurde, wechselte durch die Jahrhunderte hindurch ständig Besitzer und sein Kleid: Ministeriale, Herren, Grafen und später Bauern nutzten es als Wohnsitz, Armenquartier und Lazarett. Ursprünglich drei Türme, ständige Anbauten, Abbrüche und Verbesserungen des Äußeren und am Ende stand der Verfall. Dass uns Hochnaturns erhalten blieb, ist vor allem einem Deutschen zu verdanken – Gottfried Georg Haas war 1895 bei seiner Durchreise vom Anblick des heruntergekommenen Schlosses so ergriffen, dass er sich noch vor Ort zum Kauf entschloss. Dadurch wurden die Pläne eines Bauers, das Schloss als Abbruchmaterial für ein neues Gebäude zu verwenden, in buchstäblich letzter Sekunde durchkreuzt.
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Seit über 800 Jahren wacht die Burg Hochnaturns streng über Naturns. Für das Naturns Magazin durften wir einen seltenen Blick ins Innere des bewohnten Schlosses werfen.
Unverzüglich machte sich Haas daran, das vernachlässigte Schloss wieder instand zu setzen, teilweise durch massive Eingriffe wie die deutliche Vergrößerung der Fenster. „So was wäre heute gar nicht mehr denkbar, das ließe der Denkmalschutz nicht zu“, erklärt Franz Gurschler und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir sind über die großen Fenster heute natürlich froh. Kaum eine Burg ist im Inneren so hell und lichtdurchflutet wie Hochnaturns.“
Aber nicht nur um Hochnaturns bemühte sich Haas, er leistete auch in der Naturnser Landwirtschaft Pionierarbeit: Er war Mitbegründer einer Molkereigenossenschaft, bemühte sich um Viehzuchtvereine und Edelobstanbau und setzte in den schlosseigenen Weinbergen anstelle des typischen Vernatschs auf die Neuheiten Riesling und Blauburgunder, dem bald schon sogar heilende Kräfte nachgesagt wurden.
Trotzdem gelang es Haas nicht in Naturns Fuß zu fassen: „Zeitgenossen beschrieben ihn als rechthaberisch und jähzornig, es wurde ständig um Wasserrechte gestritten und seine Bauarbeiten am Schloss wurden eher belächelt.“ Auch seine Herkunft, ein “protestantischer Deutschländer“, trug nicht zu seiner Popularität in der katholischen Bevölkerung bei. Haas resignierte und verkaufte Hochnaturns 1913 an den Frankfurter August Kleeberg, der das Schloss durch die wechselvolle Geschichte der Weltkriege führte und die Anlage vor allem im Inneren weitergestaltete, wovon z.B. der Freskenzyklus oberhalb des Wehrganges im Innenhof der Burg zeugt.
„Die eine Hälfte der Fresken stellt historische Ereignisse wie den Bauernkrieg dar, die andere sind Ausschnitte aus der Naturnser Sagenwelt. Kleeberg war tief fasziniert von Land und Volk und sprach am liebsten mit den Bauern und einfachen Personen, denn er erkannte das verborgene Wissen, das in den Reden dieser Leute lag. Er hielt ihre Erzählungen und Sagen schriftlich fest. Dass so viel von der Naturnser Sagenwelt erhalten geblieben ist, haben wir zu einem großen Teil ihm zu verdanken“, betont Gurschler und fügt hinzu: „Was viele nicht wissen: Kleeberg hat sich nicht nur um Hochnaturns verdient gemacht, sondern war auch die treibende Kraft bei der Wiederentdeckung der in der Prokuluskirche.“
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„ Ein Schloss ist eine Lebensaufgabe. Aber eine schöne.“
Er führt uns am Freskenzyklus vorbei in die Säle und Räume im Inneren des Schlosses. Wir wandern durch die verschiedenen Zimmer, die Wohnstube, das Reformationszimmer (nicht nur Haas, sondern auch einigen anderen Besitzern des Schlosses wurden protestantische Neigungen nachgesagt), das Schreibzimmer und die Richterstube, in der Michael Gaismair, später legendärer Anführer der Bauernkriege, angehört wurde.

Die Wände vertäfelt, Kassettendecken, schwere Truhen, von den Gemälden schauen die Bischöfe von Chur milde auf die Besucher herab. Man fühlt sich wie aus der Zeit gefallen und egal wohin man schaut, es ist schön. Die Mischung aus alter Tradition und alltäglichem Leben ist spürbar und gibt dem Schloss eine besondere Atmosphäre. Verschiedene Epochen und Baustile vermischen sich in der Architektur und auch im Inneren ist der Stil nicht einheitlich, sondern Ausdruck der vergangenen Besitzer, „als würde sich jede Generation mit etwas verewigen“, lächelt Franz Gurschler.

Die Handschrift der Familie Mastropaolo-Gurschler ist, nachdem sie das Schloss von 1852 bis 1992 als Schlosspension führte, vor allem in der Erhaltung der Anlage zu finden: Immer wieder wurden Teile in Absprache mit dem Denkmalamt aufwendig hergerichtet und restauriert, zuletzt das Ziegeldach. Am Ende zeigt uns Franz Gurschler noch das Herzstück des Schlosses – ein grüner Kachelofen, „einzigartig in Mittteleuropa!“
Gespannt warten wir darauf, was ihn wohl so speziell macht: „Dieser Kachelofen stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist bis heute voll funktionstüchtig. Ein Unikum. Von überallher kamen Experten, um sich den Ofen anzuschauen und ihn zu untersuchen.“ Und weil er eben so besonders ist, wird der Ofen geschont. Mit einer Ausnahme: Am 23. Dezember, dem Geburtstag der Schlossherrin, sorgt er auch im 21. Jahrhundert noch für eine wohlige Wärme.
Schloss Hochnaturns